Ende einer Odyssee
Von Karen Haß
Wer Praxisräume sucht, stößt auf unerwartete Hindernisse. Eine Hamburger Hausärztin berichtet von bürokratischen Anforderungen und strukturellen Problemen, die ihre ursprünglichen Pläne durchkreuzten.
Über den Mangel an Praxisräumen musste ich mir in den ersten Jahren meiner hausärztlichen Tätigkeit keine Gedanken machen. Als ich ins vertragsärztliche System kam, konnte ich in eine bereits existierende Praxis einsteigen. Das hat gut funktioniert, bis sich die Wege der Praxis-Eigentümerinnen trennten – und ich mich nach eigenen Praxisräumen umsehen musste.
Ich praktizierte damals in Farmsen und wollte eigentlich in der Nähe bleiben. Die Patientinnen und die Patienten kannte ich teilweise seit vielen Jahren. Das soziale Umfeld gefiel mir gut: nette Menschen aus allen sozialen Schichten.
Ich wäre auch ins schlechter versorgte Steilshoop gegangen. Heute, nach jahrelanger Odyssee, habe ich eine Praxis im wohlhabenden Volksdorf. Ich bin also von einem durchschnittlich versorgten in ein besser versorgtes Gebiet umgezogen – gegen meine Absicht, denn ich fühle mich meinem Versorgungsauftrag im Rahmen des Sozialsystems durchaus verpflichtet.
Dass es so schwierig sein würde, geeignete Praxisräume zu finden, hätte ich nicht erwartet. Praxen sollten ja nicht abseits der belebten Gegenden in einem Gewerbegebiet liegen, doch in reinen Wohngebieten sind sie genehmigungspflichtig. Die Hamburger Bauordnung regelt, wie ein Gebäude genutzt werden darf. Eine Arztpraxis gilt als Nutzung mit Publikumsverkehr, es gibt strenge Anforderungen an Barrierefreiheit, Brandschutz und Rettungswege.
Drei Viertel der Räume, die auf dem freien Markt angeboten werden, werden dem nicht gerecht. Was an Angeboten übrig bleibt, wurde zuvor größtenteils nicht als Praxis, sondern als Büro oder Laden genutzt.
Um daraus eine Praxis zu machen, muss man einen Nutzungsänderungsantrag einreichen. Es kann sehr lange dauern, bis eine Entscheidung vorliegt. Ärztinnen oder Ärzte auf der Suche nach Praxisräumen haben aber nicht endlos Zeit, denn sie müssen die Frist im Auge behalten, in der sie ihren Arztsitz unbespielt lassen dürfen.
Bei meinem Bemühen um ein Objekt, in dem zuvor eine Ergotherapeutin praktiziert hatte, war ich sehr zuversichtlich. Ich hatte gehofft, keinen Nutzungsänderungsantrag stellen zu müssen. Das Gebäude lag in einem Wohngebiet, aber das Stockwerk wurde für Gewerbe genutzt. Dann stellte sich heraus: Die Genehmigung für gewerbliche Nutzung erstreckte sich nur auf zwei Räume. Es gab Unsicherheiten, Diskussionen. Schließlich wurde das Mietangebot zurückgezogen.
Manchmal waren die Räume so groß, dass ich einen Untermieter hätte mit hineinnehmen müssen. Manchmal waren sie zu klein. Manchmal waren sie so teuer, dass mein Steuerberater sagte: „Vergessen Sie es, das kriegen Sie nicht finanziert.“ Oft wären Umbauten nötig gewesen. Ich war einige Male kurz davor, viel Geld zu investieren. Sanitäranlagen, Raumaufteilung, Schallschutz für das Sprechzimmer. Rückblickend bin ich froh, dass ich es nicht gemacht habe. Angesichts der unberechenbaren Honorarsituation bin ich nicht sicher, ob sich die Kosten wirklich amortisiert hätten, bevor ich meinen 80. Geburtstag feiere.
Einige Objekte standen schon länger leer, einige sind noch immer nicht vermietet. Nach Auskunft meines Steuerberaters ist es für Vermieter manchmal steuerlich günstiger, die Räume leer stehen zu lassen, als sie zu einem günstigen Preis zu vermieten.
Ich habe wirklich einiges versucht, um an Praxisräume zu kommen. Ich habe Immobilienportale genutzt. Ich bin mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren und habe geschaut: Stehen da Räume leer? Käme das für meine Praxis in Frage?
Als ich davon erfuhr, dass die SAGA ein großes Neubaugebiet in Farmsen plant, dachte ich mir: „Mensch, das könnte doch was werden!“ Ich rief bei der SAGA an und verschickte mehrere E-Mails – bekam aber keinen Ansprechpartner genannt.
Ich schrieb an „Pflege & Wohnen“ und „Fördern & Wohnen“, die in Hamburg einige Heime und Unterkünfte betreiben. Ich hoffte auf die Vermittlung von Räumen und bot an, im Gegenzug eine ihrer Einrichtungen mitzubetreuen. Keine Reaktion. Ich schrieb an Wohnungsbau-Genossenschaften. Keine Reaktion. Nichts.
Ich wollte auf jeden Fall selbstständig als Hausärztin weiterarbeiten – etwas anderes konnte (und kann) ich mir nicht vorstellen. Ich übernahm so viele Notdienste wie möglich, war ein Dreivierteljahr zur Untermiete bei einem Kollegen.
Mein Traum war, eine Praxis zusammen mit zwei hausärztlichen Kolleginnen oder Kollegen zu betreiben. Für die Patienten ist das die beste Betriebsform – weil die Praxis auch geöffnet bleiben kann, wenn ein Inhaber im Urlaub oder krank ist.
In Zweier- und Dreier-Praxen gibt es zudem die Möglichkeit, ärztlichen Nachwuchs an die Niederlassung heranzuführen. Wenn junge Ärztinnen und Ärzte in die vertragsärztliche Versorgung kommen, ist es ideal, wenn sie zunächst mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, die schon Erfahrung haben. Doch die Strukturen vieler in Frage kommender, schon als Praxis betriebener Räume sind für solche Konzepte nicht geeignet.
Wie könnten die Ärztinnen und Ärzte bei der Suche nach Praxisräumen besser unterstützt werden? Ich hätte mir eine zentrale Stelle bei der KV gewünscht, die eine Begleitung durch das bürokratische Dickicht anbietet. Die sagt: „Ah, da ist jemand, der sich auch in einem schlechter versorgten Gebiet niederlassen möchte. Da können wir organisatorisch unterstützen.“
Diese Beratungsstelle hätte nicht nur zulassungsrechtliche, sondern auch betriebswirtschaftliche und baurechtliche Kenntnisse und exzellente Kontakte zu Behörden und zur SAGA.
Man hört ja immer wieder, dass ländliche Gemeinden den Ärztinnen und Ärzten einen roten Teppich ausrollen: „Ihr bekommt Praxisräume gestellt, für die Ihr während der ersten fünf Jahre keine Miete bezahlen müsst. Wir helfen Euch bei der Suche nach einem Wohnhaus. Wir unterstützen Euch bei der Akquise von Personal.“
So viel Entgegenkommen wird man in einer Großstadt nicht erwarten können. Doch auch die Hamburger Bezirke sollten sich überlegen, wie sie Ärztinnen und Ärzte für sich gewinnen können. In jedem Bezirksamt sollte es Ansprechpartner geben, die einen Überblick haben über Gewerberäume und mögliche Praxisstandorte. Die wissen, wer geeignete Räume vermietet. Die möglicherweise sogar selbst Räume vermitteln können.
Im Hamburger Koalitionsvertrag steht: „Es wird geprüft, in welcher Weise die Stadt selbst als Vermieter von Räumlichkeiten für Haus- und Kinderarztpraxen in unterversorgten Stadtteilen fungieren kann.“ Die Sozialbehörde teilte der KV auf Nachfrage mit: „Wir haben hierzu den entsprechenden Prozess angestoßen, um mit allen hierfür relevanten Akteuren ins Gespräch zu gehen.“ Das ist ein Anfang.
Andere Kolleginnen und Kollegen mögen bei der Suche nach Praxisräumen bessere Erfahrungen gemacht haben als ich. Doch fest steht: Bei der Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten gibt es erhebliches Verbesserungspotenzial. Wenn wir als Gesellschaft eine flächendeckende, wohnortnahe hausärztliche Versorgung sichern wollen, sollten wir alle Hürden abbauen und den Ärztinnen und Ärzten attraktive Angebote machen.
KAREN HAß ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Volksdorf