»Das Bewusstsein für Versorgungssicherheit nimmt zu«
Interview
Die Stadtplanerin Philippa Dorow erläutert, wie gesundheitsbezogene Schwerpunkte in Neubaugebieten geplant werden – und welche Schwierigkeiten es bei der Realisierung gibt.
Welchen Stellenwert hat die ambulante ärztliche Versorgung bei der Planung von Neubaugebieten?
dorow: In einem Bebauungsplan gibt es sogenannte „Gemeinbedarfsflächen“. Diese Flächen sind für öffentliche oder soziale Einrichtungen reserviert, die für das Funktionieren eines Stadtteils wichtig sind – beispielsweise Kitas oder Schulen. Arztpraxen sind nicht explizit verzeichnet, aber die Stadtplanerinnen und Stadtplaner denken natürlich darüber nach, wie in einem Neubaugebiet funktionierende Versorgungsstrukturen entstehen können. Deshalb werden Stellen definiert, die einen gesundheitsbezogenen Themenschwerpunkt bekommen: beispielsweise ein Gesundheitszentrum oder ein Ärztehaus.
Zuletzt haben Sie ein Gesundheitszentrum im Neubaugebiet Fischbeker Heidbrook geplant. Arbeiten dort schon grundversorgende Praxen?
dorow: Nein, bisher nicht. Die MVZ-Kette Avi Medical hat dort Räume gemietet, stellte den Betrieb aber wenige Monate nach der Eröffnung schon wieder ein. Wir haben uns sehr bemüht, Anreize für hausärztliche und kinderärztliche Praxen zu schaffen. Zwei Grundstücke für Einzelhäuser wurden für Ärztinnen und Ärzte reserviert, die sich dort niederlassen wollen: Die Ärztinnen und Ärzte hätten direkt ein Grundstück kaufen können, um dort ein Haus zu bauen – doch davon hat niemand Gebrauch gemacht. Der Fischbeker Heidbrook liegt an der Landesgrenze zu Niedersachsen. Wir haben gehört, dass dort für die Neueinrichtung einer Praxis Zuschüsse gezahlt werden. Das könnte bei Niederlassungsentscheidungen eine Rolle gespielt haben.
Nochmal zurück zu den Prozessen der Stadtplanung: Sie definieren Flächen mit Gesundheitsbezug. Wie geht es dann weiter? Wie werden diese Immobilien realisiert?
dorow: Wir machen eine Ausschreibung, um das Grundstück zu vergeben. Die von uns definierte Nutzung für die Gesundheitsversorgung ist Bestandteil des Kaufvertrages: Es wird festgelegt, dass ein Gebäude für medizinische Berufe entstehen muss.
Bewerben sich auch kommunale oder öffentliche Unternehmen wie die SAGA oder Fördern & Wohnen für solche Projekte?
dorow: Nein. Diese Unternehmen bewerben sich eher auf Grundstücke, auf denen Wohnungsbau oder soziale Projekte umgesetzt werden sollen.
Würden gemeinwohlgebundene Akteure bevorzugt, wenn sie sich bewerben?
dorow: Wenn wir Grundstücke ausschreiben, sind das neutrale, transparente Verfahren. Jeder kann sich bewerben. Niemand wird bevorzugt.
In Mümmelmannsberg oder Steilshoop haben zentrale Gebäude, in denen Arztpraxen untergebracht waren, immer wieder den Besitzer gewechselt. Die Immobilien wurden renovierungsbedürftig, Praxen finden in der Umgebung keine Ausweich-Standorte. Wäre es sinnvoll, Flächen mit Gesundheitsbezug unter städtischer Kontrolle zu behalten?
dorow: Das ist eine große politische Diskussion. Ich persönlich glaube: Das Bewusstsein für diese Problematik nimmt zu. Die Stadt vergibt heute viele Grundstücke nur noch im Erbbaurecht, um nicht die Tuchfühlung zu verlieren. Und die Stadt hat 2025 das Pflegeunternehmen Pflegen & Wohnen zurückgekauft, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und die Kontrolle über wichtige Immobilien zu behalten.