»Absurdistan« im Gesundheitswesen
Von Dr. Birte Andritzky-Laack und Prof. Dr. Eckart Laack
Eine hämatoonkologische Praxis wird von ihrem Standort verdrängt. Die Inhaber wollen ihre Patienten keinesfalls im Stich lassen – doch der Mangel an Praxisräumen und widrige Rahmenbedingungen bringen das Vorhaben fast zum Scheitern. Könnte man es den Ärztinnen und Ärzten nicht leichter machen, dort zu arbeiten, wo sie wirklich gebraucht werden?
Die Kündigung unserer Praxisräume in Süderelbe aufgrund von Eigenbedarf kam für uns völlig unerwartet und überraschend. Wir waren seit über einem Jahrzehnt als Mieter gern gesehener Kooperationspartner und Einweiser auf dem Gelände eines privaten Krankenhausträgers. Am letzten Werktag vor Silvester 2023 standen plötzlich zwei Verwaltungsangestellte des Krankenhauses vor uns – mitten im Praxisbetrieb, einige Meter weiter sprachen gerade Patienten mit Mitgliedern unseres Teams. Wir nahmen das Kündigungsschreiben entgegen, quittierten den Empfang. Und dann begann eine extrem belastende Zeit, die bis heute andauert.
Wir betreiben eine familiengeführte hämatologisch-onkologische Schwerpunktpraxis mit dem Hauptstandort Hamburg-Süderelbe und einer Nebenbetriebsstätte in Hamburg-Hoheluft. Am Hauptstandort Süderelbe behandeln wir pro Quartal mehr als 1500 Patientinnen und Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen, der eigentliche Patientenstamm ist aber natürlich um ein Vielfaches höher.
Eine Sache stand für uns nach Erhalt der Kündigung sofort fest: Wir bleiben in Süderelbe und lassen unsere Patientinnen und Patienten nicht im Stich!
Am Silvestermorgen, zu Hause hatten wir schon Verwandte zu Besuch, begannen wir sofort mit der Recherche auf Immobilienportalen nach Praxis- und Büroräumlichkeiten, setzten uns ins Auto und fuhren durch die Süderelberegion auf der Suche nach geeigneten Immobilien. Wir hatten ein Jahr Zeit, neue Räumlichkeiten zu finden. Wie sich später herausstellte, war dies ein viel zu kurzer Zeitraum. Folgende Fragen stellten sich sofort: Was passiert mit den Patientinnen und Patienten sowie mit unserer Praxis und unserer privaten Existenz, wenn wir nicht rechtzeitig passenden Räumlichkeiten finden? Wann unterrichten wir die Mitarbeiterinnen von der Kündigung, wann die Patientinnen und Patienten? Wie verhindern wir, dass zu früh Unruhe und Unsicherheit ausbricht?
In den ersten Wochen und Monaten des neuen Jahres 2024 besichtigten wir mehr als 30 Immobilen und zeichneten stundenlang nötige Umbaumaßnahmen in Grundrisse ein. Die Makler sagten uns gleich zu Beginn: Wenn Sie eine ehemalige Bürofläche beziehen, benötigen Sie eine Nutzungsänderungsgenehmigung von Büro zu Praxis – und das kann viele Monate dauern. Für einen Praxisbetrieb gibt es spezifische Anforderungen, die oftmals größere Umbaumaßnahmen erforderlich machen: Zugangsbereich und Türen müssen behindertengerecht sein. Man benötigt einen Aufzug mit bestimmter Mindestgröße. Es müssen getrennte Toiletten für Personal und für Patienten eingebaut werden. Ein umfassender Brandschutz muss gewährleistet sein. Nicht alle Büroflächen können mit vertretbarem Aufwand zu einer Praxis umgebaut werden.
Für unseren Fachbereich kommt noch erschwerend hinzu, dass wir große Räume für die Therapiestühle benötigen. Daraus ergibt sich eine benötige Praxisfläche von mindestens 400 qm.
Die Anzahl der infrage kommenden Räumlichkeiten dezimierte sich in atemberaubendem Tempo. Einmal gab es gar keinen Aufzug, ein anderes Mal war der Aufzug zu klein, häufig waren die Größe und die Raumaufteilungsmöglichkeiten für eine onkologische Praxis mit vielen Therapiepatientinnen und -patienten komplett ungeeignet, am allerhäufigsten scheiterte es jedoch an den fehlenden Optionen der Einrichtung separater Sanitärbereiche.
Und auch die nähere Umgebung muss passen: Wir haben beispielsweise eine schöne Immobilie im Harburger Hafen besichtigt – doch davor verlief ein mit Pollern geschützter Fahrradweg. Kein Krankenwagen oder Taxi hätte hier halten können, um Patienten aussteigen zu lassen. Da war nichts zu machen: Die angebotenen Räumlichkeiten wären für unsere Patienten nicht erreichbar gewesen.
Wir nahmen Kontakt zum zuständigen Bezirksamt auf, wo wir mit engagierten Mitarbeiterinnen zu tun hatten, die immerhin versuchten, uns zu helfen.
Die Stadt bot uns sogar den Kauf einer Fläche an, auf der wir selbst ein Ärztehaus hätten errichten können. Wir hatten aber nur ein Jahr Zeit, bis wir die Räume in der Klinik verlassen mussten. Und schnell etwas zu bauen – das ist in Deutschland unmöglich! Nicht mal die Bäume auf dem angebotenen Gelände hätte man fällen dürfen, damit hätte man bis Herbst warten müssen. Ein ganzes Haus hochzuziehen, wäre innerhalb der Frist, die uns von der Klinik für den Auszug gesetzt wurde, auf keinen Fall zu schaffen gewesen.
Wir besichtigten einen Technikpark, in dem es viele freie Räumlichkeiten gab. Doch zum Ambiente der Tech-Firmen passte nicht, was mit dem Betrieb einer Krebs-Praxis einhergeht: Krankenwagen, viele Taxis, kahlköpfige Patientinnen und Patienten.
Wir stellten schnell fest, dass Ärztinnen und Ärzte auch sonst nicht zu den beliebtesten Mietern gehören. Immer wieder hörten wir den Satz, dass Ärzte „Steuerschädlinge“ seien.
Hintergrund ist, dass die ärztlichen Leistungen von der Umsatzsteuer befreit sind. Daher kann der Vermieter nicht einfach die Umsatzsteuer auf die Miete ansetzen. Dies erschwert auch den Vorsteuerabzug für den Vermieter bei Investitionen. Um das auszugleichen, schrauben sie die Netto-Miete nach oben. Praxen müssen also häufig einen höheren Mietpreis bezahlen als umsatzsteuerpflichtige Unternehmen – und sind daher im Wettbewerb um die Anmietung von Gewerbeimmobilien oft im Nachteil.
Angesichts unserer schwierigen Lage versuchten wir noch einmal, mit der Klinikleitung zu verhandeln.
Unser Nachteil war, dass wir die letzten 15 Jahre eine der wenigen Konstanten auf dem Klinikgelände gewesen waren, wir in dieser Zeit aber mehr als zehn Klinikgeschäftsführer erleben durften, und kurz nach der Kündigung wechselten nun erneut Klinikgeschäftsführer und Regionalleitung des Klinikkonzerns. Diese wollten eine klinikeigene orthopädische Praxis auf das Klinikgelände verlegen und benötigten dafür Räumlichkeiten. Da wohl konzernintern keine Investitionsmittel zur Renovierung ungenutzter Flächen bewilligt wurden, wurde uns eben gekündigt. Das Schicksal von mehreren tausend Krebspatientinnen und -patienten in der Süderelberegion, die sehr gute Kooperation über fast 15 Jahre und die Existenzgefährdung für eine Familienpraxis spielten dabei keine Rolle.
Wir boten der Klinikleitung an, die Miete für zehn Jahre im Voraus zu zahlen, damit die Klinik von dem Geld ihre ungenutzte Fläche selbst für ihre orthopädische Praxis hätte umbauen können. Über Wochen wurden wir hingehalten, bis die Antwort kam: Das ist buchhalterisch nicht möglich. Immerhin wurde die Frist für den Auszug um ein halbes Jahr verlängert. Auch der lobenswerte Einsatz des KV-Vorsitzenden konnte die Klinik-Manager nicht umstimmen.
Einige der Patienten hatten mitbekommen, dass wir neue Räume suchten – und machten sich Sorgen. Die teils schwer kranken Menschen fürchteten, dass ihre Versorgung wegbrechen könnte. Die Zeit drängte bereits.
Wir entschieden uns daher, die schon seit einigen Jahren freistehenden Räumlichkeiten einer ehemaligen pneumologischen Praxis im Gesundheitszentrum Harburg befristet anzumieten. Die Räumlichkeiten sind viel zu klein und verwinkelt, viele Zimmer innenliegend und ohne Fenster – für eine hämato-onkologische Praxis gänzlich ungeeignet. Doch sie hatten einen entscheidenden Vorteil: Es musste keine Nutzungsänderungsgenehmigung eingeholt werden.
Wir haben das Husarenstück fertigbekommen, die Räume zu renovieren, den Umzug zu organisieren, die Praxis betriebsfertig zu machen – um wirklich auf den letzten Drücker dort Ende Juni 2025 einzuziehen. Wir mussten diese Zwischenlösung wählen, um die Versorgung unserer schwerkranken Patientinnen und Patienten nicht zu gefährden.
Parallel zum Umzug lief weiter die Suche nach einer geeigneten Fläche auf Hochtouren. Die Krönung dieser Geschichte war eigentlich noch, dass wir beim Zulassungsausschuss fristgerecht einen Antrag auf Genehmigung der Praxisverlegung stellen und eine Gebühr von 120 Euro zahlen mussten. Ordnung muss eben auch in Notsituationen sein.
Wir sind eigentlich hart im Nehmen und haben ein gutes Durchhaltevermögen. Aber der Druck durch die Doppel- und Dreifachbelastung war erheblich: Neben der Suche nach Räumlichkeiten mussten wir den Praxisbetrieb aufrechterhalten. Trotz schlafloser Nächte mussten wir weiterhin einen verantwortungsvollen Job machen, in Sekunden die Befunde der Patienten erfassen, ihnen Behandlungskonzepte anbieten. Wir tragen die Verantwortung für unsere 15 Angestellten, und wir haben eine Familie mit drei Kindern – der Kleinste geht noch in die Grundschule. Er litt unter der Situation am meisten. Oft mussten wir ihn mitnehmen zu den Besichtigungen, wenn wir auf die Schnelle keine Kinderbetreuung organisieren konnten.
Der finanzielle Schaden, den wir aufgrund des Mangels an adäquaten Praxis-Immobilien in Süderelbe bisher erlitten haben, ist enorm. Schon auf dem Gelände der Klinik mussten wir im Verlauf der Jahre aufgrund von Klinik-Baumaßnahmen mehrfach umziehen – immer auf eigene Kosten. Handwerker, Umzugsunternehmen, da kamen Summen zusammen.
Für die Renovierung der Praxis, die wir jetzt als Zwischenlösung im Gesundheitszentrum Harburg nutzen, haben wir etwa 50.000 Euro ausgegeben.
Nun haben wir Räumlichkeiten im Harburger Hafen in Aussicht, in die wir dauerhaft einziehen wollen. Dort werden wir nochmals etwa 100.000 Euro für den Ausbau investieren müssen, um so den Mietpreis nicht exorbitant hoch starten zu lassen. Auch hier werden wir wieder einen Antrag auf Genehmigung der Praxisverlegung beim Zulassungsausschuss stellen müssen, und es wird eine Gebühr von 120 Euro fällig werden.
Es ist absurd, dass Investoren und private Klinikkonzerne derart massiv in das ärztliche System eingreifen können. Diese Akteure haben vor allem wirtschaftliche Interessen. Wir arbeiten hingegen selbstständig, sind dem ärztlichen Ethos und dem Gemeinwohl verpflichtet.
Die Bevölkerung und die Politik wünschen sich eine gute regionale ärztliche Versorgung. Aber wenn eine Arztpraxis aufgrund von Klinikkonzerninteressen verdrängt wird und Praxisräume sucht, kommt sie in echte Not: Dann passen wir nicht ins Bild, bekommen es mit einer massiven Bürokratie zu tun und müssen als „Steuerschädlinge“ höhere Mieten zahlen als jedes Büro, jedes Unternehmen und auch jedes MVZ. Das ist doch Absurdistan.
Wie könnte die Situation verbessert werden?
Zunächst muss man feststellen: Wir haben hier in der Süderelberegion einen massiven Ärztemangel. Es fehlen Hausärzte, es fehlen Fachärzte. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Situation ist hier katastrophal. Wir sind einem stetig steigendem Ansturm von Patientinnen und Patienten ausgesetzt.
Und wenn man immer wieder hört: „Hamburg ist ein Planungsbereich“ – dann fehlen uns die Worte. Die südlich der Elbe gelegenen Stadteile Hamburgs sind nur durch zwei Nadelöre – den Elbtunnel und die Elbbrücken – mit den nördlichen Stadteilen verbunden. Verkehrstechnisch geht hier kaum noch etwas, und es ist Krebspatienten kaum zumutbar, für eine Behandlung regelmäßig über die Elbe zu fahren. Zumal auch die Fahrtkosten wesentlich steigen würden. Hier müssten die KV und der Zulassungsausschuss erheblich umsteuern.
Was den Mangel an Praxisräumen betrifft, so ist hier vor allem auch der Staat bzw. das Land und die Stadt gefragt. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass geeignete Räumlichkeiten zur Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Das bedeutet:
Den Praxen dürfen keine Nachteile daraus entstehen, dass sie nicht umsatzsteuerpflichtig sind. Für dieses Problem muss dringend eine Lösung gefunden werden.
Bei der Nutzungsänderungsgenehmigung der Behörde muss es einen Fast Track geben, damit Praxen nicht monatelang auf eine Entscheidung warten müssen. Wünschenswert wäre eine Bearbeitungszeit von 2 Wochen.
Wenn die Stadt die Verwendung ihrer Flächen plant, muss sie auch die Struktur für die ambulante Versorgung berücksichtigen. Warum errichtet die Stadt nicht selbst Ärztehäuser? Wenn eine gute und verlässliche Infrastruktur vorhanden wäre, würden auch mehr Ärzte nach Süderelbe gehen. Unser Wohnort befindet sich im nördlichen Niedersachsen – dort richten die Landkreise und Gemeinden teils geeignete Immobilien her, um sie günstig an Praxen zu vermieten.
Bei den Planungen von Praxishäusern und Gesundheitszentren muss Berücksichtigung finden, dass einige Fachbereiche, wie z.B. die Hämatologie/Onkologie aber auch beispielsweise Dialysepraxen ausreichend große und erschwingliche Praxisräumlichkeiten benötigen.
Wir vermissen eine Diskussion darüber, wie den selbständig tätigen Ärztinnen und Ärzten das Leben erleichtert werden könnte. Die ambulante Versorgung ist ein wichtiger Teil der sozialen Infrastruktur – und sowohl die Politik und die KV als auch die Patientinnen und Patienten haben ein großes Interesse daran, dass diese Struktur flächendeckend erhalten bleibt. Unsere Erfahrung ist: Wir wollen in Süderelbe bleiben – doch es wäre einfacher gewesen, über die Elbe nach Norden in die besser versorgten Stadtteile zu gehen. Unseren Patienten in Süderelbe die Treue zu halten, wurde uns wirklich nicht leicht gemacht.
Wir danken unseren ärztlichen Zuweiserinnen und Zuweisern, unseren Patientinnen und Patienten sowie unseren Mitarbeiterinnen für Ihre Treue in dieser schweren Zeit.
DR. MED. BIRTE ANDRITZKY-LAACK und PROF. DR. MED. ECKART LAACK sind Fachärzte für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Hämatologie und Internistische Onkologie und Inhaber der Praxis „Hämato-Onkologie Hamburg“ in Süderelbe und Hoheluft.