Kürzen, begrenzen, kaputtsparen
Von Dr. Björn Parey
Die Krankenkassen treiben ihre Sparpolitik voran und nehmen die ambulante Versorgung ins Visier. Doch diese Rechnung wird nicht aufgehen: Wer an der falschen Stelle spart, riskiert Engpässe, längere Wartezeiten und steigende Kosten im Gesamtsystem.
Bei der Kürzung der Psychotherpie-Honorare haben sich die Krankenkassen vorerst durchgesetzt. Nun stehen weitere Forderungen im Raum: Die Regelungen für eine schnelle Terminvermittlung aus dem TSVG sollen abgeschafft werden. Es soll eine stärkere Bereinigung der MGV bei den Kinderärzten geben – und eine Begrenzung des Ausgabenanstiegs in der EGV insgesamt. Das alles gehört zusammen. Es sind Versatzstücke derselben Strategie, die auf schnelle Erfolge bei der Reduzierung der GKV-Ausgaben abzielt.
Gleichzeitig werden die Ansprüche nach oben geschraubt. Im kommenden Primärarztsystem sollen die Hausärztinnen und Hausärzte zusätzliche Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben übernehmen.
Und es gibt den Wunsch nach kürzeren Wartezeiten und zusätzlichen Terminen im Bereich der fachärztlichen Versorgung. Wie passt das zusammen? Krankenkassen und Gesundheitswissenschaftler werden nicht ernsthaft davon ausgehen, dass es möglich sein wird, denselben Leistungsumfang mit reduzierten Honoraren aufrecht zu erhalten. Oder sogar mehr Leistungen für weniger Geld zu erbringen.
Angesichts dieser irritierenden Widersprüchlichkeiten stellen sich mir vier Fragen:
ERSTENS: Die Ausgaben der GKV steigen seit Jahren deutlich – allerdings nicht gleichmäßig, sondern besonders stark in einigen Bereichen. Der größte und am schnellsten wachsende Bereich ist die stationäre Versorgung. Hier gibt es ein Wachstum von knapp zehn Prozent pro Jahr. Es wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, die ungebremste Wachstumsdynamik im Krankenhausbereich zu stoppen. Warum konzentrieren sich die Krankenkassen nicht auf die größten Kostentreiber im System, wenn es darum geht, Geld einzusparen?
ZWEITENS: Immer wieder heißt es: Alle Bereiche des Gesundheitssystems müssen sich an den Sparbemühungen beteiligen. Ich möchte daran erinnern, dass die haus- und kinderärztlichen Leistungen bis vor kurzem nicht vollständig bezahlt wurden – und die Budgetierung im fachärztlichen Bereich noch immer nicht aufgehoben ist. Die Budgetierung ist aber nur ein Aspekt. Hinzu kommt, dass der Orientierungspunktwert für die vertragsärztlichen Leistungen inflationsbereinigt stark abgesackt ist (KVH-Journal 7-8/205).
Die Inflation betrug in den vergangenen zehn Jahren 26,9 Prozent. Angestellte in Krankenhäusern, Krankenkassen und anderen gesellschaftlichen Bereichen – sie alle haben Steigerungen mindestens in Inflationshöhe erhalten. Doch der Orientierungspunktwert für die ambulante Versorgung stieg im gleichen Zeitraum lediglich um 15,6 Prozent. Das bedeutet: De facto wurden unsere Honorare auf kalte Weise um 11,3 Prozent reduziert. Dabei muss man bedenken, dass ein Umsatzrückgang im betriebswirtschaftlichen Gefüge einer Praxis massive Auswirkungen auf den Gewinn hat. Wenn der Kostenanteil für Personal, Räumlichkeiten und Energie gleichbleibt, führt der Umsatzrückgang zu einem Gewinnrückgang von etwa 22 Prozent. Gibt es einen Bereich im Gesundheitswesen, dem ein noch größerer Sparbeitrag abverlangt wurde?
DRITTENS: Der ambulante Bereich versorgt 97 Prozent aller Fälle, löst aber nur 16 Prozent der GKV-Ausgaben aus. Es stimmt schon: Dass die Krankenhaus-Versorgung wesentlich kostenintensiver ist, liegt in der Natur der Sache. Doch Schätzungen zufolge könnten weitere 20 Prozent der stationären Fälle ambulant erledigt werden. Ein identischer Eingriff kostet im Krankenhaus oft drei- bis zehnmal so viel wie im ambulanten Bereich. Hier liegen riesige Einsparpotenziale. Wie kommen die Krankenkassen auf die Idee, sie könnten Geld sparen, indem sie die ambulante Versorgung schwächen?
VIERTENS: Wir sollten ehrlich sein: Eine Kürzung der vertragsärztlichen Honorare wird zu einer Reduzierung der Leistungsmenge führen. Was passiert, wenn in Zukunft weniger Hausarzt-Termine und weniger Facharzt-Termine zur Verfügung stehen? Der Zugang zur medizinischen Versorgung wird schwieriger werden. Ein Teil der Patientinnen und Patienten muss dann im Krankenhaus behandelt werden, was die Versorgung um ein Vielfaches teurer macht. Betten und spezialisierte Infrastruktur werden durch leichte Fälle blockiert. Personal wird falsch eingesetzt. Es gibt längere Wartezeiten für alle Patientinnen und Patienten, auch für schwere Fälle. Wäre es vor diesem Hintergrund nicht eher sinnvoll, Geld in die Hand zu nehmen und im großen Stil in die ambulante Versorgung zu investieren? Jeder investierte Euro wird ein Vielfaches im Gesamtsystem einsparen. Wir müssen aufhören, jeden Teil der Gesundheitsversorgung separat zu betrachten. Geld lässt sich nur einsparen, wenn wir das Gesundheitssystem als komplexes Gefüge verstehen.
Wir befürworten eine verbindliche Patientensteuerung durch die Hausärztinnen und Hausärzte. Ein Primararztsystem macht unser Gesundheitswesen effizienter. Doch wenn wir Hausärztinnen und Hausärzte zusätzliche Koordinationsaufgaben übernehmen und dafür sorgen, dass unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden, muss das zusätzlich vergütet werden.
Es geht nicht nur um unsere Honorare. Finanziell werden wir Ärztinnen und Ärzte schon über die Runden kommen, da habe ich keine Bedenken. Es geht um die Versorgung der Bevölkerung. Ich mache mir mittlerweile wirklich Gedanken: Wie sieht es in zehn Jahren aus, wenn ich in Rente gehe? Gibt es dann überhaupt noch Hausärzte, Fachärzte oder Psychotherapeuten, die bereit sind, mich zu versorgen?
Die Sparpläne der Krankenkassen sind kurzsichtig und setzen an der falschen Stelle an. Wir haben die Verpflichtung, darauf hinzuweisen, dass unser erfolgreiches, mittelständisch geprägtes Gesundheitssystem durch falsche Weichenstellungen massiv gefährdet wird.
DR. BJÖRN PAREY
ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Hamburg-Volksdorf und stellvertretender Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Hamburg