9/2026 9/2026

Steilshoop vor dem Neuanfang

Von Adnan Akbaba

Seit Jahren verfällt das Zentrum Steilshoops. Jetzt gibt es einen konkreten Sanierungsplan. Der letzte im Stadtviertel praktizierende Kinderarzt, Adnan Akbaba, beschreibt, welche neuen Belastungen die Bauphase mit sich bringen wird – und warum er dennoch optimistisch ist.

Anfang Juli 2026 kam im Bezirksamt Wandsbek eine hochrangig besetzte Runde zusammen, um über die Zukunft der ambulanten Versorgung in Steilshoop zu sprechen. Am Tisch saßen unter anderem der Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff, Staatsrat Tim Angerer und der Hamburger KV-Chef John Afful. Per Video zugeschaltet war Mike Hemmerich, der die Eigentümer des Einkaufszentrums und des Ärztehauses in Steilshoop vertritt. Er erläuterte, wie es mit den im Ärztehaus arbeitenden Praxen weitergehen soll, wenn das Steilshooper Zentrum zu einer riesigen Baustelle wird.

Zum Hintergrund: Einkaufszentrum und Ärztehaus sind Gebäude, die für das Funktionieren des gesamten Stadtteils von zentraler Bedeutung sind. Doch das Einkaufszentrum ist heruntergekommen und fast leer. Auch das zehnstöckige Ärztehaus ist in keinem guten Zustand. Im Erdgeschoss gibt es eine Apotheke. In den darüber liegenden Stockwerken arbeiten zwei zahnärztliche Praxen und meine Kinderarztpraxis.
Es gibt im Viertel noch eine letzte allgemeinärztliche Praxis, die ein paar Straßen vom Steilshooper Zentrum entfernt liegt. Presseberichten zufolge soll im Oktober eine weitere allgemeinmedizinische Praxis am Schreyerring eröffnen.

Für das Einkaufszentrum und das derzeitige Ärztehaus wurden im Rahmen eines Architekturwettbewerbs konkrete Sanierungspläne entwickelt. Um Einfluss auf das Geschehen zu behalten, schloss die Stadt mit dem Eigentümer der Gebäude eine Sanierungsvereinbarung ab. Nach Jahren der Ungewissheit habe ich jetzt erstmals das Gefühl: Es gibt eine Perspektive. Dass Stadt und KV involviert sind, stärkt uns den Rücken: Was immer der Gebäude-Eigentümer den Praxen in Aussicht stellt, hat mehr Verbindlichkeit, wenn es im Beisein des Bezirksamtsleiters, des Staatsrats und des KV-Chefs geschieht und offiziell protokolliert wird. Deshalb bin ich froh, dass die Treffen im Bezirksamt regelmäßig stattfinden sollen.

Der vom Gebäude-Eigentümer vorgestellte Plan ist: Die Praxen sollen während der Bauphase in einen provisorisch hergerichteten Teil des alten EKZ-Gebäudes ziehen – und einige Jahre später Flächen im modernen, neu errichteten Einkaufszentrum erhalten.
Wir müssen also zwei Mal umziehen. Die Umzugskosten werden vom Gebäude-Eigentümer übernommen. Die Mieten bleiben gleich – plus Inflationsrate. Das sind meines Erachtens zumutbare Konditionen. Ich wünsche mir sehr, dass der Übergang gelingt, damit die Versorgung in Steilshoop aufrechterhalten werden kann.

Seit 2009 arbeite ich hier im Stadtteil. Ich hatte mich damals für die Übernahme einer Praxis in einem anderen Stadtteil beworben, aber nicht den Zuschlag erhalten. Die KV fragte mich, ob ich mich um eine Sonderbedarfszulassung in Steilshoop bewerben möchte. Ich wollte nicht zurück ins Krankenhaus – und sagte zu.
Es war eigentlich eine Neu-Gründung: Im Steilshooper Ärztehaus hatten zwei Pädiater praktiziert, die aber schon zwei Jahre zuvor weggezogen waren. Nun waren die Räume leer. Ich strich Wände, verlegte Böden. Die Elektrik wurde erneuert. Ich kümmerte mich um die Einrichtung, stellte Personal ein – und baute die Praxis neu auf.

Damals gab es im Ärztehaus neben den bereits erwähnten zahnärztlichen Praxen noch fünf Allgemeinmediziner und einen Orthopäden. Nach mir zog ein Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut ein – das war für meine Arbeit ideal. Es fehlte eine Gynäkologin. Doch insgesamt waren wir gut aufgestellt, um die Menschen hier zu versorgen.

Doch dann zog der Orthopäde weg. Die Hausärzte setzten sich zur Ruhe. Einige verkauften ihre Sitze an ein MVZ, das den Betrieb einstellte. Dass die Versorgung erodierte, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist der Mangel an medizinischen Fachkräften, der sich in ärmeren Stadtteilen schneller bemerkbar macht. Vor einigen Jahren wollte ein Assistenzarzt bei uns anfangen. Er bekam im letzten Moment ein Angebot aus einem anderen Stadtteil – und nahm es an. In diesem Wettbewerb ziehen wir den Kürzeren.
Die Menschen hier in Steilshoop leben unter gesundheitlich belastenden Bedingungen, was zu einer hohen Morbidität führt. Gleichzeitig gibt es wenige Privatpatienten – die Praxiseinnahmen fallen geringer aus. Das ist ein systematischer Nachteil.

Ich halte hier die Stellung. In Steilshoop leben etwa 4.000 Kinder und Jugendliche. Um sie optimal versorgen zu können, bräuchten wir einen weiteren Pädiater im Stadtviertel. Wir haben viele Anfragen, müssen die Anzahl der Patienten aber strikt begrenzen. Fast täglich muss ich Kinder abweisen. Manchmal melden sich der Schularzt oder Lehrer oder Mitarbeiter sozialer Einrichtungen bei uns und sagen: „Dieses Kind wurde bisher noch nie versorgt. Es ist uns aufgefallen. Bitte nehmen Sie das Kind auf.“ Das machen wir dann natürlich, wenn es möglich ist.

Die Renovierung des Ärztehauses wurde seit Jahren immer wieder angekündigt – doch nichts ist geschehen. Wir haben beispielsweise seit Jahren Probleme mit den Fenstern. Bei starkem Wind und Regen dringt das Wasser ein, es sammelt sich auf der Fensterbank, manchmal auch auf dem Boden. Die Investoren, denen das Gebäude bis 2021 gehörte, fühlten sich offenbar nicht verpflichtet, es instandzuhalten.
Ich bin gespannt, was die nächsten fünf Jahre bringen. Wahrscheinlich praktiziere ich nicht mehr, wenn die neue Steilshooper Mitte und die U-Bahn fertiggestellt sind. Meine Tochter studiert Medizin – vielleicht möchte sie meine Praxis übernehmen. Jedenfalls bin ich optimistisch, dass nun Strukturen geschaffen werden, die eine Fortsetzung der vertragsärztlichen Arbeit in Steilshoop ermöglichen.

ADNAN AKBABA
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Steilshoop

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