Gesundheitsinformationen auf YouTube
Aus dem Netzwerk Evidenzbasierte Medizin
Herausforderungen für die Qualitätssicherung am Beispiel Gonarthrose
Von Sandro Zacher, Julia Lauberger und Prof. Dr. Julia Lühnen im Auftrag des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e. V. (www.ebm-netzwerk.de)
Informierte Entscheidungen zu Gesundheitsfragen setzen voraus, dass Menschen objektiv, umfassend und verständlich über Handlungsoptionen und deren möglichen Nutzen und Schaden informiert werden [1, 2]. Qualitätskriterien für evidenzbasierte Gesundheitsinformationen (EBGI) und Entscheidungshilfen sowie Gütesiegel für Webseiten werden schon lange diskutiert und beschrieben [3–5].
2017 wurde die Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation veröffentlicht, die sich an Erstellende von Informationsmaterialien richtet [3]. Neben allgemeinen rechtlichen und ethischen Anforderungen an EBGI umfasst sie evidenzbasierte Empfehlungen zu geeigneten Formaten und Darstellungen. Diese sind hauptsächlich auf analoge Informationen und Webseiten ausgerichtet. Operationalisiert wurden die Empfehlungen in der validierten Mapping the Quality of Health Information (MAPPinfo) Checkliste zur Bewertung von Gesundheitsinformationen [6].
Das Internet ist eine wichtige Quelle bei der Suche nach Gesundheitsinformationen [7, 8], insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen [9]. Neben klassischen Webseiten mit textbasierten Informationen stehen unterschiedlichste Formate wie Podcasts, Videos, Chatbots oder Social Media zur Verfügung. Aus diesem großen und vielfältigen Angebot gute und verlässliche Informationen auszuwählen, ist eine große Herausforderung. Zudem stellt sich die Frage, ob und wie sich bestehende Qualitätskriterien für EBGI auf diese unterschiedlichen Formate anwenden lassen.
Beispielsweise zeigten verschiedene internationale Studien, dass Gesundheitsinformationen, die über YouTube verbreitet werden, deutliche Qualitätsmängel aufweisen [10]. Im Jahr 2022 hat YouTube die YouTube-Health-Initiative gestartet, um zuverlässige Gesundheitsinformationen sichtbarer zu machen und Nutzer:innen in der informierten Entscheidungsfindung zu unterstützen [11]. Es wurde ein Zertifizierungsprogramm entwickelt, das maßgeblich auf vier Prinzipien zur Identifikation vertrauenswürdiger Gesundheitsinformationen basiert, die vom Council of Medical Specialty Societies (CMSS), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der National Academy of Medicine (NAM) entwickelt wurden: (1) wissenschaftlich fundiert; (2) objektiv; (3) transparent und verantwortlich; und (4) inklusiv und gerecht [12, 13]. YouTube-Kanäle können als zuverlässige Quelle für Gesundheitsinformationen zertifiziert werden. In Deutschland können approbierte Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen eine Zertifizierung beantragen. Hierzu müssen sie sich den oben genannten Prinzipien verpflichten und formale Kriterien erfüllen. Organisationen mit bestehenden standardisierten Prüfmechanismen, wie zum Beispiel Krankenhäuser, werden ohne Bewerbung als zuverlässige Quelle zertifiziert [14]. Insgesamt bleibt aber unklar, inwieweit die auf YouTube verfügbaren Gesundheitsinformationen die Kriterien für EBGI erfüllen.
Unterstützen deutschsprachige YouTube-Videos informierte Entscheidungen zur Behandlung einer Gonarthrose?
Um diese Fragestellung zu beantworten, wurde eine deskriptive Querschnittsanalyse deutschsprachiger YouTube-Videos durchgeführt [15]. Im Januar 2024 erfolgte eine systematische Recherche über die YouTube-Suchfunktion mit den Begriffen „Kniearthrose“ und „Knie TEP“. Die jeweils ersten 100 Suchtreffer inklusive verlinkter Videos wurden extrahiert und anhand der Ein- und Ausschlusskriterien geprüft. Eingeschlossen wurden öffentlich zugängliche deutschsprachige Videos, die sich an medizinische Laien richteten und Informationen zur Behandlung der Gonarthrose bereitstellten. Ausgeschlossen wurden Berichte von Patient:innen sowie Videos, die ausschließlich Übungen oder Operationen ohne weitere Informationen zur Behandlung zeigten. Die Prüfung der Ein- und Ausschlusskriterien sowie die Analyse erfolgten durch zwei Personen unabhängig voneinander in einem standardisierten Konsensverfahren. Videos desselben Kanals, die miteinander verlinkt waren, wurden als eine Gesundheitsinformation betrachtet. Zur Bewertung der Informationsqualität wurde die MAPPinfo Checkliste [6] eingesetzt. Die Informationsqualität wurde auf einer Skala von 0–100 % berechnet, wobei 100 % die Erfüllung aller Qualitätskriterien bedeuten. Ergänzend wurde die Informationsqualität deskriptiv unter anderem nach Anbietertyp und YouTube-Health-Zertifizierung ausgewertet.
In die Analyse wurden 50 Gesundheitsinformationen in 79 Videos eingeschlossen. Insgesamt zeigte sich eine geringe Informationsqualität. Im Durchschnitt wurden 15,4 % (SD 4,5) der Qualitätskriterien für EBGI erfüllt. Keine der untersuchten Gesundheitsinformationen erfüllte mehr als ein Viertel der Qualitätskriterien, wobei der Erfüllungsgrad zwischen 5 % und 25 % lag.
Die Abbildung veranschaulicht die durchschnittliche Informationsqualität je Qualitätskriterium anhand der grün ausgefüllten Sektoren.
VISUALISIERUNG DER ERFÜLLUNG DER EINZELNEN QUALITÄTSKRITERIEN
erstellt mit dem MAPPinfo Evaluation Toolkit [16].
Vergleichsweise gut erfüllt wurden die formalen Kriterien, beispielsweise die Nennung der Autor:innen (T1), Angaben zur Aktualität (T4) oder die Verwendung einer neutralen Sprache (P5). Auffällig ist, dass einige der Qualitätskriterien gar nicht erfüllt wurden (weiße Sektoren in der Abbildung). Besonders ausgeprägt waren die Defizite bei den Inhaltskriterien.
Keine der untersuchten Gesundheitsinformationen benannte und erläuterte die verfügbaren Behandlungsoptionen einschließlich der Option des Nichts-Tuns (I2). Ohne die transparente Darstellung aller relevanten Behandlungsmöglichkeiten können die verschiedenen Therapieoptionen nicht gegeneinander abgewogen werden. Ebenso wurde in keiner Gesundheitsinformation der natürliche Verlauf einer Gonarthrose ohne Behandlung beschrieben (I4/P1). Diese Information ist wesentlich, um beurteilen zu können, wie sich die Erkrankung ohne Intervention entwickeln kann und um im Einzelfall abzuwägen, ob eine Behandlung für die betroffene Person einen zusätzlichen Nutzen gegenüber einem Behandlungsverzicht bietet. Darüber hinaus stellte keine Gesundheitsinformation den Nutzen (I5/P2) und den möglichen Schaden (I6/P3) der verschiedenen Therapieoptionen angemessen dar. Eine angemessene Darstellung beinhaltet unter anderem quantitative Angaben oder explizite Aussagen zu bestehenden Unsicherheiten für alle beschriebenen Behandlungsoptionen und patientenrelevante Ergebnismaße.
Die deskriptiven Subgruppenanalysen ergaben ein einheitliches Bild. Die Informationsqualität war über die verschiedenen Anbietergruppen hinweg ähnlich. Ebenso wiesen Gesundheitsinformationen mit (n = 28) und ohne (n = 22) YouTube-Health-Zertifizierung eine vergleichbare Informationsqualität auf (15,4 % vs. 15,3 %).
Die Ergebnisse lassen Zweifel aufkommen, ob die Selbstverpflichtung zur Einhaltung der YouTube-Prinzipien ausreicht. So ist in den Prinzipien beispielsweise vorgesehen, dass wissenschaftliche Quellen zitiert werden [12, 13]. Das inhaltlich entsprechende MAPPinfo-Kriterium (T5) wurde jedoch im Mittel nur zu 4,0 % erfüllt. Ebenso sollen die Methoden zur Erstellung der Gesundheitsinformationen transparent dargestellt werden. Das entsprechende MAPPinfo-Kriterium (T6) wurde von keiner der untersuchten Gesundheitsinformationen erfüllt.
Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass die untersuchten deutschsprachigen Gesundheitsinformationen auf YouTube keine Grundlage für informierte Entscheidungen zur Behandlung einer Gonarthrose bieten. Für die untersuchten Gesundheitsinformationen zur Gonarthrose war zudem mit der YouTube-Health-Zertifizierung keine höhere Informationsqualität verbunden.
Einordnung der Ergebnisse
Die Defizite sind kein YouTube-spezifisches Phänomen: Auch deutschsprachige textbasierte Gesundheitsinformationen zur Behandlung der Gonarthrose erfüllten im Durchschnitt nur 14,6 % der Qualitätskriterien [17]. In den Subgruppenanalysen zeigte sich, dass non-profit und öffentlich finanzierte Anbieter bei den textbasierten Gesundheitsinformationen deutlich besser abschnitten als der Durchschnitt [17]. Bei den untersuchten YouTube-Angeboten zeigte sich dieser Unterschied nicht [15]. Umso mehr stellt sich die Frage, was Zertifizierungsprogramme wie die YouTube Health Initiative zur Qualitätssicherung tatsächlich leisten können. Klar ist, es handelt sich um eine interne und keine unabhängige Qualitätskontrolle. Ob und wie die inhaltliche Einhaltung der zugrunde liegenden Prinzipien geprüft wird, ist nicht transparent [14]. Da eine systematische Prüfung einzelner Videos angesichts der Menge täglich neu veröffentlichter Inhalte kaum praktikabel ist, erfolgt die Zertifizierung auf Anbieterebene – eine Aussage über die Qualität einzelner Gesundheitsinformationen ist damit grundsätzlich nicht verbunden. Dazu passt, dass sich in der vorliegenden Analyse – wenngleich auf ein Thema begrenzt und nicht auf einen solchen Vergleich ausgelegt – kein Hinweis auf eine höhere Informationsqualität zertifizierter Angebote fand [15]. Außerdem fiel bei der Analyse der Videos auf, dass YouTube teilweise gesundheitsbezogene Werbung vor und während der Videos anzeigte. Dies wurde nicht systematisch untersucht, wirft jedoch die Frage auf, ob zwischengeschaltete Werbung in Videos zertifizierter Kanäle mit den Prinzipien von YouTube Health vereinbar ist.
Ein wirksames Zertifizierungsprogramm müsste unabhängig sein, auf evidenzbasierten Kriterien beruhen und durch stichprobenartige Prüfungen einzelner Videos ergänzt werden. Mit MAPPinfo steht hierfür ein validiertes, auch auf Videos anwendbares Instrument zur Verfügung, das als Grundlage einer differenzierten Zertifizierung dienen könnte [6, 15].
Die Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation wird derzeit überarbeitet; dabei werden voraussichtlich auch unterschiedliche Formate und deren Bewertung einbezogen. Zudem ist zu klären, welche Qualitätskriterien ein Format in Abhängigkeit von seiner Zielsetzung überhaupt erfüllen kann. Ein kurzes Video, das für ein Gesundheitsthema sensibilisieren soll, ist anders zu bewerten als eine Information, die eine Therapieentscheidung unterstützen soll. Die Zielsetzung der jeweiligen Information muss für die Nutzer:innen ersichtlich sein. Es ist zu erwarten, dass diese Differenzierung künftig auch die Bewertung und Zertifizierung digitaler Gesundheitsinformationen prägen wird.
Deutlich wird zudem: Weder formale Merkmale wie eine Approbation noch bestehende Zertifizierungen gewährleisten hochwertige Gesundheitsinformationen [15]. Die Erstellung evidenzbasierter Gesundheitsinformationen erfordert spezifische Kompetenzen, die weder in den Curricula der Gesundheitsberufe noch in anderen Ausbildungswegen von Erstellenden – etwa im Journalismus oder in der Öffentlichkeitsarbeit – systematisch verankert sind. Entsprechende Qualifizierungsangebote sollten daher entwickelt und allen zugänglich gemacht werden, die Gesundheitsinformationen erstellen und verbreiten – unabhängig von Format, Kanal und beruflichem Hintergrund.
Fazit für die praktische Tätigkeit
Deutschsprachige YouTube-Videos können derzeit nicht als Grundlage für informierte Entscheidungen bei Gonarthrose empfohlen werden – auch dann nicht, wenn sie von zertifizierten Kanälen stammen. Da viele Patient:innen solche Videos dennoch nutzen, sollte dies im Gespräch aktiv angesprochen und auf qualitätsgesicherte Informationsquellen hingewiesen werden.
SANDRO ZACHER
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Universitätsmedizin, Institut für Gesundheits-, Hebammen und Pflegewissenschaft, Halle (Saale)
sandro.zacher@medizin.uni-halle.de
JULIA LAUBERGER
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Universitätsmedizin, Institut für Gesundheits-, Hebammen und Pflegewissenschaft, Halle (Saale)
PROF. DR. PHIL. JULIA LÜHNEN
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Klinische Pflegewissenschaft, Berlin
INTERESSENKONFLIKTE
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.
Referenzen
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3. Lühnen J, Albrecht M, Mühlhauser I, Steckelberg A. Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation; 2017 [Stand: 15.07.2026]. Verfügbar unter: https://www.leitlinie-gesundheitsinformation.de/.
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