50 Jahre HOPA: Beständigkeit und Innovationsbereitschaft sind kein Widerspruch
Von Antje Thiel
Als Prof. Dr. Ulrich Richard Kleeberg 1976 in Altona eine hämatologisch-onkologische Schwerpunktpraxis eröffnete, gab es weder ambulante Chemotherapie noch passende Abrechnungsstrukturen. Heute gilt die Hämatologisch-Onkologische Praxis Altona (HOPA) als älteste und zugleich eine der innovativsten Onkologiepraxen Deutschlands. Beim Jubiläum blickten Beteiligte und Zeitgenossen zurück und wagten einen Ausblick in die ambulante Onkologie der Zukunft.
Ein Freitagabend Ende Juni im Altonaer Kaispeicher, drückende Sommerhitze, knapp 200 elegant gekleidete Gäste. An einem der Tische Prof. Dr. Ulrich Richard Kleeberg, 87 Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuß, aber hellwach und aufmerksam. Der feierliche Abend galt seinem Lebenswerk. Vor 50 Jahren gründete der Pionier in Hamburg eine onkologische Schwerpunktpraxis, die als Hämatologisch-Onkologische Praxis Altona (HOPA) bis heute als eine der erfolgreichsten und zugleich innovativsten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland gilt.
1976 war Krebs assoziiert mit Siechtum, Leiden, Sterben
Dr. Erik Engel, Onkologe und einer der drei heutigen Geschäftsführer der Einrichtung, nahm die Gäste mit auf eine Reise durch die vergangenen fünf Jahrzehnte. Als die HOPA 1976 öffnete, gab es in Hamburg noch nicht einmal einen Lehrstuhl für Medizinische Onkologie – der wurde am UKE erst drei Jahre später geschaffen. „Medizinische Dokumentation lief über Karteikarten, Laborwerte wurden per Telefon übermittelt“, berichtete Engel. Biologische Therapien existierten nicht, die Chemotherapie steckte in den Kinderschuhen. „Für viele Menschen war die Diagnose Krebs gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Sie war assoziiert mit Siechtum, Leiden, Sterben.“
Kleeberg hatte bereits eine andere Realität kennen gelernt. Von 1965 bis 1968 hatte er am Massachusetts General Hospital in Boston gearbeitet, danach in mehreren hämatoonkologischen Abteilungen in den USA und Kanada hospitiert und ambulante Krebsbehandlung als Teil der Regelversorgung erlebt. „Das war eine Erfahrung, die seine Vorstellung von moderner Krebsmedizin und die Geschichte der HOPA entscheidend prägen sollte“, betonte Engel.
Vom sicheren Beamtenstatus in die ungewisse Niederlassung
Zunächst sah es für Kleeberg nach einer klassischen Karriere in Klinik und Forschung aus. Doch trotz seiner wissenschaftlichen Erfolge an der Universitätsklinik Ulm entschied er sich gemeinsam mit seinem Schwager, dem Kardiologen Dr. Hans Peter Richter von Arnauld, dem Gastroenterologen Dr. Lothar Wilbert und dem Radiologen Dr. Friedrich Zeitler zu einem gewagten Schritt: eine vertragsärztliche Niederlassung mit einer onkologischen Praxis in Hamburg.
Bei der KV Hamburg unter ihrem damaligen Vorsitzenden Dr. Jens Döring stießen die beiden auf offene Ohren. Die Selbstverwaltung unterstützte die Gründung einer fachübergreifenden Praxis, die neben Onkologie auch Kardiologie, Radiologie und Gastroenterologie abdeckte. Für Kleeberg war der Sprung in die Selbständigkeit ein mutiger Schritt, denn er bedeutete, seinen Beamtenstatus aufzugeben, Kredite aufzunehmen und eine Praxis zu finanzieren.
Noch keine Abrechnungsstrukturen für onkologische Leistungen
All das wohlgemerkt in einem System, das weder ambulante Chemotherapie, noch Abrechnungsstrukturen für onkologische Leistungen oder eine Onkologievereinbarung mit den Krankenkassen kannte. Die Gründer ließen sich nicht beirren. „Sie formulierten einen Anspruch: bestmögliche Versorgung gehört dem Patienten – nicht dem Krankenhaus, nicht der Bürokratie“, erinnerte Engel.
Es dauerte Jahrzehnte, bis die Strukturen mit der gelebten Praxis Schritt hielten. Erst 2000 entstand mit dem Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) eine eigenständige Interessenvertretung. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits rund eine halbe Million Krebskranke jährlich ambulant in Schwerpunktpraxen versorgt. Der Paragraph 116b SGB V und später die Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV) schufen schließlich auch für Krankenhäuser den rechtlichen Rahmen für spezialisierte ambulante Onkologie.
Onkologie war schon immer ein interdisziplinäres Fach
Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor sowie zwischen den verschiedenen Fachgebieten hätten für die Onkologie immer eine untergeordnete Rolle gespielt, erklärte Engel. Onkologische Operationen finden im Krankenhaus statt, die weitere Versorgung mittels Hormon- oder Chemotherapie erfolgt häufig ambulant, bei Rezidiven kehren Patientinnen und Patienten zurück ins Krankenhaus. „Die onkologische Versorgung war zu allen Zeiten interdisziplinär, auch als die heute selbstverständlich erscheinenden Strukturen wie Tumorkonferenzen noch gar nicht existierten.“
Dass zunehmende Budgetierung und Regressverfahren diese kollegiale Zusammenarbeit gefährden könnten, bereite ihm ebensoviel Sorgen wie eine Aushöhlung der ärztlichen Freiberuflichkeit. Denn insbesondere der Therapiefreiheit komme in der Onkologie besondere Bedeutung zu: „Sie bedeutet auch die Freiheit zu entscheiden, eine theoretisch mögliche und leitliniengerechte Therapie eben nicht automatisch anzuwenden, sondern sich gegebenenfalls auf die Begleitung ohne belastende Therapien zu konzentrieren, aber nie den Menschen allein zu lassen.“
Mit geplantem Gesetz drohen besorgniserregende Effekte
„Spitzenmedizin und menschliche Zuwendung gehören zusammen, das hat die HOPA immer wieder gezeigt“, erklärte auch der KV-Hamburg-Vorstandsvorsitzende John Afful in seiner Laudatio. Die Einrichtung habe dazu beigetragen, „dass Menschen heute wohnortnah betreut werden können, so wie es am besten für sie ist.“ Seit Gründung der HOPA habe sich ihr Umfeld nicht nur fachlich in rasantem Tempo entwickelt.
„Insbesondere die vergangenen fünf Jahre waren geprägt von vielen politischen Veränderungen, von Digitalisierung, von immer neuen gesellschaftlichen und demographischen Herausforderungen“, sagte Afful. In diesem Kontext sei auch das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz zu sehen, das „auch auf die Onkologie besorgniserregende Effekte haben wird“, mahnte Afful.
Einrichtung von unschätzbarem Wert für die Hansestadt
Ähnlich äußerte sich Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer gegenüber den Gästen: „Ich kann Ihnen versichern, dass ich die geplanten Reformen auch nicht alle gut finde.“ Sie wünschte der HOPA das nötige Durchhaltevermögen, denn „aus Sicht der Hansestadt ist das Onkologikum von unschätzbarem Wert“. Eine Krebsdiagnose werfe für Betroffene und Angehörige viele elementare Fragen auf: nach dem, was lebenswert ist, nach Begleitung, nach Würde.
Die HOPA beantworte diese Fragen seit fünfzig Jahren mit fachlicher Kompetenz und menschlicher Nähe. „Wir können glücklich sein, dass damals Menschen den Mut hatten, diese Versorgungsform zu etablieren und dass sie so lange Bestand hat. Welche Arztpraxis wird schon 50 Jahre alt?“
„Kultur des offenen Austauschs hat uns vorangebracht“
Prof. Carsten Bokemeyer, Direktor der Klinik für Onkologie, Hämatologie und Knochenmarktransplantation am UKE, zeichnete beim Jubiläum die fachlichen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre nach. „Damals setzte sich Chemotherapie durch und brachte trotz unbestreitbarer Nebenwirkungen die Überzeugung, dass Krebs heilbar sein kann.“ Als weitere Meilensteine zählte Bokemeyer die Einführung tumorspezifischer Antikörper ab Mitte der 1990er Jahre, die Zulassung von Imatinib um 2000 und seit etwa 15 Jahren auch die Immuntherapie.
„Ich erinnere mich noch an die Kongresse, bei denen das erstmals diskutiert wurde. Menschen, die damals bei Lungenkrebs nur noch wenige Monate hatten, können heute mit guter Lebensqualität noch viele Jahre leben. So etwas gehört zu den bewegendsten Momenten in einem ärztlichen Berufsleben.“ Bei all diesen Entwicklungen seien HOPA und UKE immer eng verbunden gewesen. „Die Kultur des offenen Austauschs hat uns vorangebracht. Ich freue mich darauf, auch weiterhin die Zukunft der Krebsmedizin mit Ihnen zu gestalten.“
Die HOPA hat heute ein 23-köpfiges ärztliches Team
Aus vier Gründungsärzten ist heute ein 23-köpfiges ärztliches Team geworden – neun davon arbeiten im Praxisbereich, zwei am Krankenhaus Jerusalem in der Schäferkampsallee, drei im HOPA-eigenen Labor und neun in der allgemeinen und der speziellen ambulanten Palliativversorgung (AAPV/SAPV). Dazu kommen medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte und ein Studiensekretariat.
Für den Zusammenhalt entscheidend ist die gelebte Praxiskultur: „Effizienz und Menschlichkeit werden oft als Gegensätze dargestellt. Wir glauben das nicht“, betonte Engel. Das zeigt auch ein Brief, den ein Patient nach seiner letzten Chemotherapie an das Team schrieb und aus dem Engel vorlas: „So seltsam es klingen mag, ich bin immer gern hierhergekommen, weil ich mich hier so gut aufgehoben fühlte. Jede und jeder von Ihnen begegnet mir freundlich, ruhig, interessiert und fürsorglich. Ich fühle mich in besten Händen und sicher. Und das ist keine Selbstverständlichkeit.“