Machtmissbrauch: Verantwortung im Grenzgebiet
Kolumne
von Dr. Christine Löber, HNO-Ärztin in Hamburg-Farmsen
Eigentlich wollte ich einen kurzen, impulsiven Abriss zur infernalen Sparpolitik (in wohl satirischer Manier auch genannt „Reform“) aufs Word-Dokument knallen, aber unüberlegte Kahlschläge führen zu nichts Gutem, wie das Bundesgesundheitsministerium uns hervorragend demonstriert.
Stattdessen nehme ich Sie mit zurück in den Mai zum Deutschen Ärztetag.
Für diejenigen, die es verpasst haben: Auf dem 130. Ärztetag in Hannover traten fünf Medizinstudentinnen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bmvd) vors Plenum und schilderten, dass sie nicht irgendwann im Studium, sondern während des laufenden Ärztetags von Teilnehmern der Veranstaltung sexuell belästigt und herabwürdigend behandelt worden seien.
Zu den geschilderten Vorfällen gehörten unter anderem:
- Kommentare über ihr Aussehen und ihren Ausschnitt
- unerwünschte Berührungen an Rücken und Gesäß
- Einladungen aufs Hotelzimmer
- die Erfahrung, dass berufspolitische Gespräche vorwiegend mit den männlichen Kommilitonen geführt wurden.
Wer kennt es nicht.
Typischer Kongress, angeheiterte Kollegen in schlecht sitzenden Anzügen suchen enthemmt irgendwelche Weiblichkeit und unterhalten sich fachlich ansonsten mit ihresgleichen. Fand ich bisher gar nicht besonders spektakulär, und das, was die Studentinnen da berichtet haben, kenne ich ja auch alles. Kennen doch alle Frauen.
Aber dass diese jungen Kolleginnen in Hannover den Gewohnheitsschleier einmal öffentlich weggezogen haben, ist absolut bemerkenswert.
Denn: Das Thema umfasst nicht nur die Vorgänge auf dem Ärztetag, es geht um strukturelle Systemfehler.
Es geht um Macht.
Und es geht um Grenzen, wo sie verlaufen und wer die Verantwortung dafür trägt.
Als ich im PJ war, hat ein Oberarzt angefangen, mir während einer Operation immer die Hand zu streicheln. Beim Operieren nähern sich ganz natürlicherweise Hände an, aber hier hatte ich es offenbar mit einem anders gearteten Annäherungsversuch zu tun.
Ich konnte meine Hand aber auch nicht wegnehmen, weil ich einen Haken halten musste. Gefangen im Streichelzoo!
Als ich zum Ende der Operation mit links den Faden abschneiden konnte und mit rechts noch irgendetwas hielt, schaltete er einen Gang weiter vom Streicheln zum Schmeicheln und äußerte verhaucht: „Du hast viele Talente. (dramatische Pause) Ich hoffe, ich werde sie alle mal kennenlernen.“ Solche und ähnliche belletristischen Glanzleistungen setzten sich inner- und außerhalb des OPs fort.
Später entführte er mich in einer lauen Sommernacht mal in einem Taxi. „Passiert“ ist nie etwas, das über diese außergewöhnlichen Charmeoffensiven hinausging.
Einige würden jetzt argumentieren, dass allein der Streichelzoo schon unter „passiert“ fallen würde.
Ich fand das jedenfalls nicht. Ich fand ihn nett, hatte enormen Respekt vor seinem fachlichen Können und fühlte mich angenehm gebauchpinselt, dass dieser Oberarzt mich als Studentin offenbar ein bisschen verehrte – nicht fachlich, möglicherweise auch nicht menschlich, sondern allein auf einer dümmlich-sexuellen Ebene. Die Feministin in mir verzog sich geprügelt in die Abstellkammer.
War das Machtmissbrauch? Tja.
Grenzen sind selten auf den Zentimeter genau markiert. Es gibt Situationen, in denen sich zwei Menschen völlig einig sind. Nehmen wir zum Beispiel diese neu zusammengewürfelten Kongresspärchen, die dem geneigten Publikum stundenlang ihre engumschlungene, wenn auch kurzlebige Liebelei demonstrieren. Es gibt eindeutige Übergriffe. Und dazwischen gibt es manchmal schwer überschaubare Grenzgebiete.
Der Marburger Bund hat in diesem Jahr knapp 10.000 Mitglieder zum Thema Machtmissbrauch befragt. 49 Prozent berichteten, selbigen in den letzten zwölf Monaten erlebt zu haben, auf Platz 1 stand das respektlose und herablassende Verhalten.
Machtmissbrauch wird zu 75 Prozent von den Betroffenen nicht gemeldet. Ich frage mich hier allerdings, wo diese Erfahrungen überhaupt gemeldet werden, die eigene Abteilung wird es in der Regel ja nicht sein.
In Führungspositionen sitzen meistens Männer, deshalb haben Männer mehr Macht (und deshalb sitzen möglicherweise weniger Frauen in Führungspositionen). Frauen missbrauchen Macht aber nicht weniger. Viele Ärztinnen berichten von Mobbing durch ältere Kolleginnen, Konkurrenzverhalten und fehlender Solidarität gegenüber Teilzeitkräften und Müttern.
Machtmissbrauch ist weder ein Männer- noch ein Frauenproblem, er ist ein Hierarchieproblem.
Und es ist grundsätzlich die Verantwortung derer, die in der Hierarchie weiter oben stehen, sich in Grenzgebieten zurechtzufinden und nicht erst mit Gewalt gegen eine Grenze zu knallen, bevor man sie respektieren kann.
DR. CHRISTINE LÖBER ist HNO-Ärztin und Buchautorin.
Aktuell im Buchhandel: „Immer der Nase nach“ (zusammen mit Hanna Grabbe), Mosaik Verlag / Hamburg
In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Christine Löber, Dr. Matthias Soyka und Dr. Bernd Hontschik.