Mythos Gen Z: Tickt die junge Generation wirklich anders?
von Antje Thiel
Die vermeintliche Arbeitsfaulheit der Gen Z ist ein statistisches Artefakt. Denn eigentlich ist der ärztliche und psychotherapeutische Nachwuchs hochmotiviert. Doch insbesondere Frauen hadern mit den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit.
Fallen Sie nicht auf den Mythos der Gen Z herein – die gibt es so nicht.“ Mit dieser Botschaft eröffnete Prof. Jutta Allmendinger, Expertin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, ihren Impulsvortrag bei einer Veranstaltung der Frauenkommission der KV Hamburg am 27. Mai 2026. Rund 40 Ärztinnen und Psychotherapeutinnen verschiedener Generationen waren der Einladung gefolgt – und bekamen von der online zugeschalteten renommierten Forscherin zunächst eine methodenkritische Lektion in Sachen Generationenforschung.
Wenig belastbare Querschnittsstudien
Wer Menschen verschiedener Altersgruppen gleichzeitig zu ihren Lebenseinstellungen befragt, bekommt meist ganz unterschiedliche Antworten. Die Versuchung ist dann groß, daraus auf generelle Generationsunterschiede zu schließen. Tatsächlich aber handelt es sich bei den ausgemachten Unterschieden Allmendinger zufolge häufig schlicht um Alterseffekte. Das gilt auch für Befragungsdaten, wonach eine große Mehrheit von Angehörigen der Generation Z angibt, Arbeit solle vor allem Spaß machen und eine gute Work-Life-Balance ermöglichen – während Ältere diesen Wunsch deutlich seltener äußern.
In der öffentlichen Debatte wird aus den Ergebnissen solcher Querschnittsstudien gern abgeleitet, die heute ca. 15- bis 30-Jährigen seien arbeitsscheu, unmotiviert und für den Arbeitsmarkt kaum zu gebrauchen. Dabei sagen die Daten gar nicht aus, dass junge Menschen heute anders ticken als frühere Generationen in ihrem Alter. Sondern möglicherweise eher: So denken Menschen, wenn sie jung sind. Ob die heute 20-Jährigen mit 50 noch dieselben Werte vertreten, verraten diese Querschnittdaten nicht. „Sie sagen auch nichts darüber aus, ob die heute Älteren früher nicht ganz ähnlich gedacht haben“, betonte Allmendinger.
Um Generationeneffekte belastbar beurteilen zu können, braucht es stattdessen Längsschnittstudien – sprich: Befragungen, die Menschen über Jahre bzw. sogar Jahrzehnte begleiten und ihre Einstellungen im Zeitverlauf dokumentieren. Solche Studien seien aufwändig, teuer und verlangten von den Forschenden eine gewisse altruistische Motivation: „Die Früchte dieser Arbeit werden die wenigsten, die sie anstoßen, selbst noch ernten", sagte Allmendinger.
Entsprechend dünn sei die Datenlage auf Basis von Längsschnittstudien. Die wenigen verfügbaren Befunde deuten für die Soziologin allerdings darauf hin, dass die Arbeitsmotivation der Gen Z keineswegs niedriger ist als die früherer Generationen in vergleichbarem Alter – eher im Gegenteil. So ist die Erwerbsbeteiligung in jungen Jahren gestiegen: Viele junge Menschen arbeiten bereits während des Studiums, oft in Teilzeit. Das drückt das Arbeitsvolumen im Durchschnitt – sagt aber nichts über mangelnden Ehrgeiz aus. Auch Frauen sind wesentlich stärker im Arbeitsmarkt vertreten als früher. Damit erhöht sich aufgrund von Kindererziehungszeiten der Anteil von Teilzeitarbeitsverhältnissen abermals.
Mehr Unterschiede innerhalb als zwischen den Generationen
Als zweites methodisches Problem nannte Allmendinger die Tatsache, dass die Altersgrenzen für die „Gen Z" nicht einheitlich definiert sind: Meist werden die Jahrgänge 1995 bis 2010 genannt, manchmal aber auch andere Spannweiten. Vor allem aber zeige die Forschung konsistent, dass die Unterschiede innerhalb einer Generation weit größer sind als die zwischen den Generationen. Sozioökonomischer Status, Bildungshintergrund, Vermögen und regionale Herkunft prägen Einstellungen und Lebensentwürfe also stärker als das Geburtsjahr.
Dieser Effekt kommt in Deutschland, wo Bildungserfolg nach wie vor stärker vom Elternhaus abhängt als in vielen anderen Ländern, besonders deutlich zum Tragen: Wer aus einem akademisch geprägten Haushalt stammt, erbt nicht nur kulturelles Kapital, sondern zunehmend auch materielles – und sucht sich in der Regel auch einen Partner bzw. eine Partnerin aus ähnlichen Verhältnissen. „Der Effekt verfestigt sich also“, sagte Allmendinger.
Andere Bedingungen für Berufsentscheidungen
Was sich tatsächlich verändert hat, sind nicht die Menschen, sondern die Bedingungen, unter denen sie ihre Berufsentscheidungen treffen. Allmendinger verdeutlichte dies am Beispiel ihres eigenen Sohnes, der als Arzt in einem Krankenhaus tätig ist und sich nicht niederlassen möchte – unter anderem deshalb, weil er seine Energie nicht in einen materiellen Aufbau investieren muss, den seine Generation bereits vorgefunden hat. „Das ist total rational, aber ganz bestimmt nicht faul.“
Als Gegenmodell nannte sie den Gynäkologen, bei dem sie selbst in Behandlung ist: einen Arzt um die 70, der seit Jahren seine Praxis abgeben möchte. Übernehmen soll jemand, der sein Lebenswerk nach genau seinem Vorbild fortführt: als Einzelpraxis, mit denselben Öffnungszeiten, demselben Modell. Dass der Nachwuchs die Arbeit lieber auf mehr Schultern verteilen möchte und flexiblere Strukturen braucht, liegt ihm fern. Allmendingers Einschätzung war eindeutig: „Das halte ich für falsch.“
Rahmenbedingungen wirken abschreckend
Insbesondere bei jungen Frauen kann man mit einer solchen Erwartung nicht mehr punkten. Das zeigten auch die Videointerviews, die im Anschluss an Allmendingers Impulsvortrag eingespielt wurden. Natalie Burgemeister, Medizinstudentin im neunten Semester, beschrieb ihre Begeisterung für den ärztlichen Beruf und ihre grundsätzliche Offenheit gegenüber der Niederlassung – allerdings verbunden mit einem nüchternen Blick auf die finanziellen Aussichten: „Unter den aktuellen Bedingungen hätte ich Angst, mich niederzulassen." Dabei schätzt sie gerade das, was die Praxistätigkeit auszeichnet: Patientinnen und Patienten langfristig begleiten, eigene Entscheidungen treffen, Arbeiten ohne Schichtdienst.Ähnlich klang Maja Wilken, die in München ihre ambulante Weiterbildung zur Psychotherapeutin absolviert: „Ich sehe mich auch langfristig nicht in einer Klinik.“ Das Konzept der ambulanten Weiterbildung findet sie gut, die Finanzierung hingegen prekär – für Weiterbildungsstätten ebenso wie für den psychotherapeutischen Nachwuchs. Eine eigene Niederlassung kommt für sie erst im Anschluss an die Familiengründung infrage, denn „es gibt in Deutschland zu wenig Unterstützung für die Selbstständigkeit.“ Beide Stimmen belegten, was Allmendinger zuvor ausgeführt hatte: Es ist nicht die Generation, die sich verweigert. Es sind die Rahmenbedingungen, die abschrecken.
Gemeinsame Strukturen stehen hoch im Kurs
In der anschließenden Podiumsdiskussion – moderiert von Dr. Claudia Haupt, Sprecherin der KV-Hamburg-Frauenkommission und niedergelassene Kinderärztin – kamen Vertreterinnen aus vier Generationen, unterschiedlichen Berufsgruppen und Arbeitsformen zu Wort – Babyboomer, Generation X, Millennials und Generation Z, Ärztinnen und Psychotherapeutinnen, Selbstständige und Angestellte. Was sie trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten verband: der Wunsch nach gemeinsamen Strukturen und das Wissen, dass das Modell der Einzelkämpferin der Vergangenheit angehört.
„Jede Generation kann etwas anderes – man kann voneinander lernen“, antwortete die niedergelassene Allgemeinmedizinerin Dr. Berit Löwenau auf die Frage, wie gute Führung gelingt, wenn mehrere Generationen in einer Praxis zusammen arbeiten.
Kollegialer Austausch in größeren Strukturen
Die jüngere Generation empfindet das Gemeinschaftsmodell ohnehin nicht als Kompromiss, sondern als erste Wahl. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) stehen daher hoch im Kurs. So erklärte die in einem MVZ angestellte Kardiologin Dr. Simone Müller: „Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, ganz allein zu arbeiten. Ich mag es, zwischendurch mal nach nebenan zu gehen, um komplexe Fälle zu besprechen.“
In Bezug auf die politischen Rahmenbedingungen macht sie sich allerdings Sorgen um die ärztliche Freiberuflichkeit und die Zukunft der ambulanten Versorgung: „Der wirtschaftliche Druck kommt ja auch bei uns Angestellten an.“ Leider sei die Bevölkerung viel zu wenig aufgeklärt über die komplexen Strukturen des Gesundheitssystems: „Es kostet viel Kraft, Patientinnen und Patienten in ihrem Frust auszuhalten. Am Ende sitze ich nämlich vor ihnen und muss alles erkären.“
Therapiefreiheit auch von Angestellten schützen
Marie Schwartz, Psychologische Psychotherapeutin in einem großen MVZ, ergänzte dazu, auch im Angestelltenverhältnis müsse die Therapiefreiheit besser geschützt werden. „Ich arbeite mit Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen. Man könnte in diesem Bereich viele Dritt-und Viertmeinungen vermeiden, wenn wir uns mehr Zeit lassen könnten!“
Auch das Für und Wider der Digitalisierung kam zur Sprache. Johanna Schadwinkel, Ärztin in Weiterbildung für Allgemeinmedizin in einer Hausarztpraxis, findet Befunde in der elektronischen Patientenakte (ePA) mittlerweile oft schneller als über den bislang üblichen Austausch per KIM-Nachricht. Sie hofft auf einen weiteren Ausbau: „Ich finde die ePA richtig gut.“ Die Psychotherapeutin Rulfs hingegen mahnte mit Blick auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) zur Vorsicht: „Dokumentation ist für unsere Berufsgruppe immens wichtig. Wenn das die KI übernimmt, besteht die Gefahr, dass wir selbst gar nicht mehr richtig über die Menschen nachdenken, denen wir helfen sollen" – ein Satz, der vom Plenum spontan mit Applaus bedacht wurde.
Ohne männliche Vorbilder geht es nicht
Ein Thema zog sich durch den gesamten Abend: die Notwendigkeit, Männer als aktive Mitgestalter zu gewinnen. Solange Gleichstellungspolitik ausschließlich als Frauensache gilt, wird sich wenig bewegen – das war die einhellige Überzeugung auf dem Podium wie im Publikum. Auch Allmendinger hatte es in ihrer Keynote bereits auf den Punkt gebracht: Es braucht männliche Vorbilder, die für alle sichtbar Elternzeit nehmen, in Teilzeit arbeiten und Fürsorgearbeit übernehmen – und Universitätskliniken, die dabei vorangehen.
Von solchen Strukturen, die echte Flexibilität erst möglich machen, war das Umfeld der Kinderärztin Haupt zu Beginn ihrer Karriere noch weit entfernt: Ihr Chef hatte wenig begeistert auf ihre Schwangerschaft reagiert und ihr zu verstehen gegeben, dass eine Rückkehr in Teilzeit ausgeschlossen sei. Es war vor allem sein Widerstand, der ihre Entscheidung für die Niederlassung unfreiwillig beschleunigt hatte. „Ich habe es nie bereut – aber ich hätte mir einen anderen Weg dahin gewünscht“, erzählte sie.
Freie Entscheidung statt äußerer Druck
Auch die Allgemeinmedizinerin Löwenau berichtete, wie sie selbst eher planlos und unvorbereitet in die Selbstständigkeit gerutscht war: „Rückblickend hätte ich mir dabei jemanden gewünscht, der mir den Rücken freihält.“ Was beide Erfahrungen gemeinsam haben: Es war nicht die freie Entscheidung einer Frau für ein Modell, das zu ihrem Leben passt, sondern der äußere Druck, der den Weg vorgab. Genau das soll sich für die nachfolgende Generation ändern.
Die Frauenkommission will ihr dafür weiter den Weg bereiten: „Wir sind nicht nur Teil der Versorgung, sondern wollen sie auch in den entscheidenden Gremien mitgestalten!“, betonte Haupt. Anfangs von manchem abgewertet und abgewehrt, ist die Frauenkommission heute in der KV Hamburg fest etabliert, arbeitet konstruktiv mit Männern zusammen und hat bei den letzten Wahlen den Frauenanteil in den Gremien deutlich erhöhen können. „Beim nächsten Mal wollen wir noch stärker werden – es wäre deshalb toll, wenn noch mehr Frauen bei uns mitmachen!“, schloss Haupt.
Antje Thiel, freie Journalistin