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KV-App: Digitale Eigenentwicklung als Erfolgsmodell

Von caroline roos

Die KV Hamburg hat eine Notdienst-App entwickelt, die von anderen KVen übernommen und mitfinanziert wird. Die stellvertretende Vorsitzende der KV Hamburg, Caroline Roos, beschreibt, wie das gelungen ist.

Die KV Hamburg hat sich bewusst für eine eigene Strategie bei der Digitalisierung des Notdienstes entschieden. Die von uns entwickelte App wurde bisher von zwei KVen übernommen. Drei weitere KVen haben Interesse bekundet.
Wir sind stolz darauf, dass dieses Projekt so viel Zuspruch findet. Finanzielle Gewinne dürfen wir als KV nicht erzielen, doch nun beteiligen sich andere KVen an den Entwicklungskosten. Auf diese Weise haben wir Innovationen in unserem Notdienst-Bereich in Gang gesetzt, von denen nicht nur wir, sondern auch andere KVen profitieren – und die sich weitgehend selbst finanzieren.

Im November 2022 standen wir vor einer schwierigen Entscheidung. Der fahrende Notdienst wechselte den Dienstleister, der die Fahrzeuge und die digitale Ausstattung stellte. Eine Übernahme und Modernisierung der digitalen Struktur wäre sehr teuer geworden. Zusammen mit Marco Behns, der die KV Hamburg als externer Berater bei der Neuausrichtung des Arztruf Hamburg unterstützt, entschieden wir uns deshalb für ein eigenes Digital-Konzept.
Unser Ziel war es, auf eine eigene technische Infrastruktur zu verzichten und stattdessen eine App zu entwickeln. Das Prinzip lautet: „Bring your own device“.
Den Ärzt:innen sollte ermöglicht werden, ihre eigenen Smartphones zu nutzen. Wir gründeten ein Projektteam, führten eine Befragung der Ärzt:innen im Notdienst durch, suchten einen Entwickler und starteten das Projekt.

Marco Behns und der damalige Leiter der Abteilung „Patientenservice 116117“, André Volk, führten die ersten Features im Notdienstausschuss vor. Die Ärzt:innen diskutierten lebhaft und machten Verbesserungsvorschläge. Noch bei den Anwenderschulungen konnten die Ärzt:innen ihre Ideen einbringen. Zwei Wochen später waren die Vorschläge meist auch schon umgesetzt. So gelang es, eine App zu entwickeln, die sich eng an den Bedürfnissen der Ärzt:innen orientierte. Nach sieben Monaten war die erste Version einsatzbereit.

Die App ist modular aufgebaut. Sie ging im Juli 2023 mit einigen Basisfunktionen an den Start und wurde schrittweise erweitert. Ausgangspunkt war die Dienstorganisation und das Einsatzmanagement. Es zeigt sich, dass die Plattform einen Großteil der Probleme löst, die es zuvor in diesen Bereichen gab – weil die Ärzt:innen nun vieles direkt untereinander regeln können und die digitale Interaktion für große Transparenz sorgt.
Auf der Startseite sehen die Notdienst-Ärzt:innen alle Informationen zu ihrem nächsten Dienst. Sie können wählen, wo sie abgeholt werden möchten, können die Kontaktdaten des Fahrers einsehen, den Dienstbeginn starten und den Dienst beenden. Über die Menüleiste stehen weitere Funktionen zur Verfügung: So ist es möglich, den Dienstplan einzusehen, Dienste zu übernehmen oder über eine Börsenfunktion zu tauschen sowie Schichtwünsche und Abwesenheiten bekannt zu geben.
Während des Dienstes enthalten die Notdienst-Ärzt:innen eine Push-Nachricht, sobald ein Einsatz disponiert wird. Alle von der Leitstelle erfassten Patientendaten sind einsehbar. Die Dokumentation kann direkt in der App erfolgen, auch Fotos lassen sich hochladen.

Die App wurde kontinuierlich weiterentwickelt: Zunächst kamen die telefonische Beratung und als Pilot die Videotelefonie hinzu, später auch die Unterstützung bei der Abrechnung.
Es handelt sich um ein lernendes System: Treten Probleme auf, reagieren wir möglichst schnell mit Anpassungen.

In der Notfallpraxis am Kinderkrankenhaus Wilhelmstift wird die App auch von unseren medizinischen Fachangestellten genutzt. Über die App werden die Fälle erfasst, verwaltet und dokumentiert und für die Abrechnung vorbereitet. All das ist eine große Arbeitserleichterung. In den anderen Notfallpraxen wird die App ab April zum Einsatz kommen.
Auf Notdienst-Symposien, bei denen sich KV-Mitarbeiter:innen aus ganz Deutschland austauschen, haben wir die App in verschiedenen Entwicklungsstufen vorgestellt. Dabei präsentierten wir Funktionen und diskutierten Einsatzmöglichkeiten.

So wurden andere KVen auf das Projekt aufmerksam. Immer wieder bekamen wir die Rückmeldung: „Ihr seid weit vorne im Vergleich zu anderen Programmen und Apps, die auf dem Markt verfügbar sind.“ Und immer wieder hieß es anerkennend: „Das ist bis in die Details hinein sehr anwenderfreundlich und gut durchdacht. Exakt zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Notdienst:ärztinnen.“

Während andere KVen über ein „tragbares Mini-Arztbüro“ nachdachten – einen Koffer mit Laptop, Drucker und Kartenleser, den die Ärzt:innen mit in die Wohnung der Patienten nehmen können –, sagten wir: Unsere Ärzt:innen benötigen nur ihr Smartphone. Unser Ziel war von Anfang an papierloses Arbeiten. Die Entwicklung der TI mit Einführung von eRezept und die anderen elektronischen Anwendungen gingen ja ohnehin in diese Richtung.
Die nächste Ausbaustufe unserer App wird das Einlesen der Gesundheitskarte des Patienten per NFC mit dem Handy sein (neben der bereits heute genutzten Fotoerkennung der Gesundheitskarte). Die Karte wird an die NFC- Schnittstelle des Handys gehalten, es baut sich nach Eingabe der CAN (Card Access Number) eine sichere Verbindung auf. Die Daten des Patienten werden ausgelesen, ohne dass die Notdienst-Ärzt:in einen Kartenleser benötigt.

Sobald durch die Gematik Endgeräte zur Verfügung gestellt werden, die zum Beispiel virtuelle SMC-B-Karten verarbeiten können, werden wir die TI-Anwendungen in die App integrieren. Dann können auch das eRezept und die elektronische Patientenakte genutzt werden. Das sind die nächsten großen Entwicklungsschritte, welche im zweiten Halbjahr 2026 geplant sind.
Die KV Berlin hat die App im vergangenen Jahr eingeführt. Die KV Brandenburg hat mit der Implementierung begonnen und plant den Start im vierten Quartal 2026. In einer weiteren KV haben die zuständigen Ausschüsse dem Einsatz der App zugestimmt, es fehlt noch die formelle Freigabe der Vertreterversammlung. Zwei weitere KVen haben Interesse bekundet, die App zu übernehmen, und befinden sich im Entscheidungsprozess.

Die von anderen KVen gezahlten Nutzungsentgelte fließen in die Weiterentwicklung der App. Wir sind bei diesem Projekt nicht nur im Budget geblieben. Sondern wir konnten unsere Aufwendungen minimieren, das Projekt refinanzieren und nehmen jetzt sogar Geld ein, mit dem wir die Digitalisierung des Notdienstes weiter vorantreiben können, ohne auf die Beitragsgelder der Mitglieder zurückgreifen zu müssen.
Mein Dank gilt allen Mitarbei­ter:innen der KV Hamburg, die dieses Projekt mit Tatkraft und Teamgeist möglich gemacht haben. Sie haben mit angepackt, Pro­bleme gelöst und die Ärzt:innen bei der Einführung unterstützt.

CAROLINE ROOS
ist stell­ver­tretende Vorsitzende der KV Hamburg

Nachgefragt: Erleichtert die KV-App den Notdienst?
Statements von Dr. Sabine Roth, Dr. Thomas von Feder, Dr. Nina Steiding und Dr. Petra Kapaun

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