10/2026 10/2026

Mehr Zeit für Medizin - mit Hilfe von KI

Von Dr. Andreas Schemm

Künstliche Intelligenz kann Praxen entlasten. Der Kinderarzt Dr. Andreas Schemm berichtet, welche KI-Werkzeuge sich im Arbeitsalltag bewähren – und wo der Mensch unverzichtbar bleibt.

Als Künstliche Intelligenz 2022 allgemein zugänglich wurde, begann ich, ihre Einsatzmöglichkeiten im Praxisalltag zu testen. Dabei kamen beruflicher Bedarf und persönliches Interesse zusammen: Ich bin der IT-Verantwortliche in unserer Praxis. Und ich fand es spannend, Anwendungen für verschiedene Arbeitssituationen systematisch auszuprobieren: Lassen sich damit Abläufe vereinfachen, verbessern oder beschleunigen? Mein Ziel war, die Qualität unserer Arbeit zu erhöhen und das Praxisteam von zeitaufwendigen administrativen Aufgaben zu entlasten.

Das gelang nicht immer. Manche Prozesse funktionieren ohne KI besser. In anderen Bereichen aber zeigte sich schnell, wo die Stärken der KI liegen.

• Textverarbeitung: Eine naheliegende Anwendung ist die Erstellung von Texten. Die KI hilft bei der Formulierung von E-Mails, Arztbriefen oder Anamnesen. Allerdings müssen KI-Texte immer sorgfältig Korrektur gelesen werden. Bei Textsorten, die stets nach derselben Struktur erstellt werden, kann es sinnvoll sein, Textpassagen nicht jedes Mal neu erstellen zu lassen, sondern feste Textbausteine im PVS zu hinterlegen. Einige unserer Textbausteine werden durch automatisch errechnete Daten ergänzt. Beispielsweise: „Ihre nächste Untersuchung ist im Zeitraum von März bis April 2027.“

• Praxisinternes Wissen: Ein zweiter wichtiger Bereich ist die Organisation von Informationen, die in unserer Praxis vorhanden sind. Mit der in das Praxisverwaltungssystem integrierten KI können wir in unsere Patienten­akten „hineinfragen“: „Durchsuche unsere Akten und stelle relevante Informationen über den Patienten zusammen.“ Ein Zero-Data-Retention-Vertrag stellt sicher, dass die Daten nach der Verarbeitung weder gespeichert noch weiterverwendet werden. Die Datenverarbeitung ist damit datenschutzkonform. Was bisher nicht funktioniert, sind KI-Abfragen zum Inhalt der elektronischen Patientenakte (ePA). Sie wird von der Patient:in selbst geführt und liegt außerhalb des PVS. Hierauf kann unsere KI (noch) nicht zugreifen.

• Betriebswirtschaftliche Aufgaben: Auch im betriebswirtschaftlichen Bereich setzen wir KI ein. Das PVS schlägt schon seit Langem auf Grundlage von Karteieinträgen und Diagnosen die passenden Abrechnungsziffern vor. Das ist durch fest definierte Regeln klassisch mit Code programmiert, dafür ist keine KI nötig. Doch die KI hilft dabei, diese Regeln zu erstellen, Abrechnungsfehler zu erkennen und Entwicklungen und Auffälligkeiten im Abrechnungsvolumen zu analysieren.

• Dokumentation von Patientengesprächen: Einige PVS bieten die Möglichkeit an, Patientengespräche aufzuzeichnen. Das Gespräch wird über ein Mikrofon erfasst, die KI erstellt daraus eine Dokumentation und überträgt sie in die Kartei. Ob das im Alltag gut funktioniert, hängt meines Erachtens unter anderem von der Patientenklientel ab. In unserer pädiatrischen Praxis reden oft Kinder, Eltern und Ärzt:innen durcheinander. Solche Gesprächssituationen können noch nicht zuverlässig erfasst werden. In unserer Praxis jedenfalls hat sich diese Funktion (bisher) nicht bewährt.

• KI am Telefon: Wir haben uns bewusst gegen den Einsatz eines KI-Telefonassistenten entschieden. Solche Systeme nehmen Anrufe entgegen, erkundigen sich nach dem Anliegen und können beispielsweise Termine vereinbaren. In unserer Praxis läuft der erste Kontakt meist über E-Mail, und wenn etwas telefonisch geklärt werden muss, rufen wir an. Die Telefonate führen wir immer selbst – auch weil wir die Rückmeldung bekommen, dass es den Patient:innen wichtig ist, mit uns direkt und persönlich zu kommunizieren.

PVS-Hersteller im offenen Wettbewerb

Die Hersteller der Praxisverwaltungssysteme stehen derzeit unter einem hohen Innovationsdruck. Es ist ein offener Wettbewerb: Wem gelingt es am besten, die neuen technischen Möglichkeiten in seine Systeme zu integrieren?

Ärztliche Kolleginnen und Kollegen müssen meines Erachtens keine Angst haben, wichtige Entwicklungen zu verpassen. Sie können abwarten, was die PVS-Hersteller anbieten – und die KI-Tools bei Gelegenheit ausprobieren.

Die Hersteller verfolgen verschiedene Strategien: Manche bieten zusätzliche KI-Tools an, andere integrieren die Funktionen direkt in ihr Praxisverwaltungssystem. Auch die Möglichkeiten, eigene Einstellungen vorzunehmen oder selbst zu programmieren, unterscheiden sich deutlich.

Prompts und Programmierung

Unser PVS bietet viel Gestaltungsspielraum. Ist die Grundkonfiguration nach den individuellen Bedürfnissen der Praxis angepasst, lassen sich Prompts einbauen, die theoretisch unbegrenzt komplex sein können. Um diese Prompts zu erstellen, nutze ich eine externe KI.

Ein Beispiel ist die strukturierte Auswertung von externen Laborbefunden, die wir von den Patient:innen als PDF erhalten. Zur Erstellung des Prompts haben wir zunächst anonymisierte Laborbefunde verwendet, um zu erfassen, welche Laborparameter, Schreibweisen und Einheiten potentiell vorkommen können. Anschließend wurde festgelegt, wie diese Daten strukturiert und welche medizinisch relevanten Zusammenhänge berücksichtigt werden sollen. Der daraus entstandene Prompt wird inzwischen jedes Mal verwendet, wenn wir ein Laborbefund-PDF auswerten.

Anderes Beispiel: die Erstellung der Anamnese. Ein umfangreicher Prompt definiert deren Aufbau und legt fest, welche Informationen typischerweise berücksichtigt werden sollen. Vorherige Anamnesen und Epikrisen können aus dem PVS übernommen und um zusätzliche Angaben, beispielsweise das aktuelle Alter des Patienten, ergänzt werden. Der Prompt selbst ist als Textbaustein im PVS hinterlegt und wurde mit Hilfe einer externen KI erstellt. Ich drücke dann nur noch auf einen Button, es werden die erforderlichen Informationen zusammengestellt und an die interne Kl übergeben. Innerhalb kurzer Zeit entsteht daraus ein strukturierter Anamnesetext, der anschließend nur noch geprüft und ergänzt wird.

Das sind zwei Beispiele, wie sich Praxisabläufe mit Hilfe von standardisierten Prompts automatisieren lassen. Bei einigen Praxisverwaltungssystemen ist es möglich, noch deutlich tiefer in die Softwarestruktur einzugreifen und eigene Codes einzufügen.

Ich habe Programmier-Kenntnisse, doch wenn es komplexer wird, kann das Schreiben der Codes ziemlich zeitaufwendig werden. Mittlerweile lasse ich solche Codes von einer externen KI schreiben. Ich muss nicht jedes Detail des Scripts verstehen, wenn ich feststelle: Ich erhalte ein vernünftiges Ergebnis. So kann ich eine individuelle Automatisierung von Abläufen ohne großen Programmier-Aufwand in der Software implementieren.

Wo anfangen, wenn das PVS keinen Ansatzpunkt bietet?

Nehmen wir an, ein Praxisinhaber hat wenig IT-Erfahrung und sein Praxisverwaltungssystem bietet keine sinnvollen KI-Tools an. Welche Möglichkeiten gibt es, sich unabhängig vom PVS dem Thema KI anzunähern?

  • Ein guter Einstieg sind gängige generative KI-Assistenten wie ChatGPT, Gemini oder Claude, die sich für die Textverarbeitung in der Praxis nutzen lassen. Man schreibt Stichpunkte ins Eingabefeld (beispielsweise Notizen aus einem Patientengespräch) und bittet die KI: „Erstelle daraus eine Anamnese.“ Das ist sehr niedrigschwellig – und funktioniert in vielen Fällen hervorragend. Bei externen KI-Assistenten sind allerdings datenschutzrechtliche Vorgaben zu beachten: Es genügt nicht, auf die Eingabe des Namens zu verzichten. Auch aus den übrigen Informationen darf nicht auf eine bestimmte Person zu schließen sein. Der Name und alle Informationen, die eine Person identifizierbar machen, dürfen also erst hinzugefügt werden, wenn der Text in die gesicherte Umgebung des PVS kopiert wurde.

  • Manchmal ist es nützlich, von den Patient:innen schon im Vorfeld einige Informationen strukturiert abfragen zu können. Beispiel: familiäre Hypercholesterinämie. Dazu gibt es eine gute Leitlinie. Auf deren Grundlage kann die KI einen Fragenkatalog zu Symptomen, Vorbefunden und der Familienanamnese erstellen, der von mir überarbeitet und dann von der KI in ein Patientenformular überführt wurde. Ein Link zum Online-Formular wird Patient:innen, die sich zu diesem Thema vorstellen, vorab per E-Mail zugeschickt. Wenn sie in die Praxis kommen, sind wichtige Informationen bereits digital erfasst und erste Fragen geklärt.

  • KI kann dabei unterstützen, externes Wissen für medizinische Entscheidungen aufzubereiten. Umfangreiche Fachartikel lassen sich zusammenfassen, verschiedene Leitlinien miteinander vergleichen und größere Informationsmengen schneller erschließen. Bei Recherchen mit KI ist jedoch Vorsicht geboten. KI-Systeme können Fehlinformationen erzeugen – sie „halluzinieren“. Außerdem sollte man sich des sogenannten „confirmation bias“ bewusst sein: Die KI ist immer sehr freundlich – und neigt dazu, jene Vorurteile zu bestätigen, die sich aus der Stoßrichtung der eigenen Prompts herauslesen lassen.

  • Auch bei der eigenen Fortbildung kann KI hilfreich sein. Im Arbeitsalltag fehlt häufig die Zeit, wissenschaftliche Texte in Ruhe zu lesen. Einige Dienste wie Gemini Notebook können wissenschaftliche Artikel in Podcasts umwandeln – und das in erstaunlich guter Qualität. Für mich ist das mittlerweile Teil des Alltags geworden: Ich lade einen Fachtext hoch, lasse daraus einen Podcast erstellen und höre ihn auf dem Weg zur Arbeit.

Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der KI bleibt eines entscheidend: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Die KI kann Vorschläge liefern und Arbeitsschritte unterstützen. Deshalb ist uns das Prinzip des „Human in the Loop“ besonders wichtig: Die KI unterstützt uns, aber ein Mensch behält den Überblick, prüft ihre Vorschläge und trifft die endgültigen Entscheidungen. Die Verantwortung für alle Entscheidungen und Prozesse bleibt beim medizinischen Fachpersonal. Wenn KI richtig eingesetzt wird, kann sie die Effizienz steigern und die Arbeitszufriedenheit erhöhen. Wir wollen, dass unsere fachliche und menschliche Kompetenz nicht in repetitiven Arbeitsschleifen verschwendet wird. Die KI verschafft uns mehr Freiräume für die medizinische Tätigkeit. Denn darum geht es am Ende: Unsere Praxis soll effizient arbeiten, damit wir Zeit für den persönlichen Kontakt mit unseren Patientinnen und Patienten haben und ihnen eine gute Versorgung bieten können.

DR. ANDREAS SCHEMM
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderkardiologe in Eimsbüttel

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