6/2026 6/2026

Ärzte – die Leistungsträger und Stabilitätsanker im Gesundheitswesen

Kolumne

von Dr. Matthias Soyka
Orthopäde in Hamburg-Bergedorf

Angeblich soll jede Gruppe im Gesundheitswesen einen Beitrag zur Konsolidierung des maroden Systems beitragen. Seltsam, dass ausgerechnet die Gruppe am stärksten belastet wird, die am meisten Patienten behandelt und relativ zu ihrer Bedeutung am schlechtesten bezahlt wird – die niedergelassenen Ärzte.

Der Sparbeitrag der Krankenkassen hingegen wird aus der Portokasse bezahlt. Während die Honorare der niedergelassenen Ärzte um 3 Milliarden Euro gekürzt werden sollen, wird von den Krankenkassen ein homöopathisch wirkender symbolischer Betrag von 0,1 Milliarde gefordert. Selbst die ebenfalls symbolisch gemeinten Mini-Begrenzungen von Vorstandsbezügen werden von den Kassen nicht hingenommen.

In dem Referentenentwurf der Ministerin gibt es einen Punkt (von vieren), der nennenswerte Einsparungen der Krankenkassen erbringen wird: „Ermöglichung des Versands digitaler Informationsschreiben bei Anpassungen des Zusatzbeitrages“. Am Porto sparen – das ist mehr oder weniger alles, was von den Kassen verlangt wird.

An diesem Missverhältnis ist zu sehen, dass die Ministerin vor lauter Eifer beim Kostensparen nicht einmal im Ansatz begriffen hat, was die wirklichen Probleme im Gesundheitswesen sind und wer sie lösen kann.

  • Der Verwaltungsapparat der Krankenkassen ist ein teurer Kostenblock (13 bis 15 Milliarden Euro), der den Namen „Kostentreiber“ wirklich verdient. Er ist mit seinem regulatorischen Wahn auch eine gigantische Produktivitätsbremse für effektive, an den Menschen orientierte Gesundheitsarbeit; sowie ein Motor für die aktive Demoralisierung der im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen.

  • Weil die Boomer in den Ruhestand gehen (viele auch noch vorzeitig), werden die Einnahmen knapper. Insgesamt wird in Zukunft weniger eingezahlt und mehr Leistung benötigt.

  • Die Mitversicherung von Familienangehörigen ist eine versicherungsfremde Leistung, die die Gesundheitskassen belastet. Es handelt sich um eine familienpolitische Maßnahme, also eine genuin staatliche Aufgabe. Unabhängig davon, wie man zu dieser Maßnahme steht, sollte allen klar sein, dass, ginge es gerecht zu, alle Steuerzahler dafür aufkommen müssten und nicht nur die gesetzlich Versicherten. Doch die Gesundheitsministerin hat diese Klarheit nicht oder nicht genug, um daran wirklich etwas ändern zu wollen. (Verrückterweise wollen vor allem die Politiker den gesetzlich Versicherten diese Sonderaufgabe weiter aufdrücken, die ansonsten begeistert für ein Ende des Ehegattensplittings sind.)

  • Die Kosten der Migration sind in allen Bereichen enorm, auch im Gesundheitswesen. Auch diese Lasten müssten gerechterweise von allen getragen werden. Doch die Regierung will auch in Zukunft die Kosten für die umfangreiche medizinische Behandlung von Flüchtlingen und anderen Bürgergeldempfängern zu einem großen Teil den gesetzlich Versicherten allein aufbürden.

  • Die Kosten für Medikamente steigen immens. Aber anders als früher sind heute nicht die Pseudoinnovationen die Ursache. Die Kosten steigen, weil es so viele gute innovative Medikamente gibt, die das Leben der Menschen signifikant verbessern und verlängern und die man deshalb niemandem vorenthalten möchte und rechtlich auch nicht vorenthalten könnte. Die Kostenexplosion im Medikamentenbereich bewirkt mit fast 60 Milliarden Euro eine große finanzielle Druckwelle.

  • Die von Karl Lauterbach und Ulla Schmidt initiierte Kapitalisierung des Krankenhaussektors treibt dort die Kosten. Verstärkt wird dies noch durch die wahnwitzige Subventionierung der Personalkosten für die Pflege, die fast sieben Milliarden Euro verschlingt.

  • Die Gesundheitsmisere liegt auch an der sinkenden Gesundheitskompetenz. Die Google- und KI -Besserwisserei kontrastiert mit einer oft grotesken Hilflosigkeit schon bei kleinen Gesundheitsstörungen. Beides führt zur verstärkten Inanspruchnahme von Ärzten und Klinikambulanzen.

  • Der Trend zur Krankschreibung erreicht nicht nur in der Berliner Stadtverwaltung neue Höchststände.

Eine Gesundheitsministerin, die ein bisschen mit der Situation im Gesundheitswesen vertraut wäre und sich ein wenig in Patienten und Beschäftigte hineinversetzen wollte, würde leicht verstehen, dass von den vielen Problemen in ihrem Ressort kein einziges durch eine zu hohe Bezahlung der Ärzteschaft verursacht wird.

Stattdessen verweigert sich die überforderte Ministerin – verstärkt durch die Einflüsterungen der Bürokratielobby – der Erkenntnis, dass das marode Gesundheitsschiff nur zu retten ist, wenn die arbeitende Mannschaft sich engagiert und sich auch engagieren kann.

Für einen rationellen Umgang mit Medikamenten braucht man ausgeruhte und motivierte Ärzte, die sich auf die Auswahl der Medikamente und die Gespräche mit ihren Patienten konzentrieren können. Wer von lauter überflüssigen bürokratischen Nebenüberlegungen und Dokumentationspflichten abgelenkt wird, hat nicht die Kapazitäten, das einen Arbeitstag lang fokussiert durchzuhalten. Wer sich Sorgen um seine finanzielle Existenz macht, kann sich weniger konzentrieren als derjenige, der aufgrund einer angemessenen Bezahlung wirtschaftliche Sorgen ausblenden kann.

Auch um überflüssige Operationen zu vermeiden oder Hilfs- und Heilmittel rationell zu verordnen, benötigt man Ärzte, die voll bei der Sache sind. Erst recht gilt das für die Entscheidung, ob ein Arbeitnehmer krank geschrieben werden soll oder nicht. Die Fähigkeit zu Entscheidungen ist endlich, ermüdbar und trainierbar. Ärzte sind gewohnt, täglich sehr viele Entscheidungen zu treffen. Sie haben ihre Entscheidungskraft trainiert wie andere ihre Muskeln. Aber diese Fähigkeiten werden jetzt schon täglich überfordert durch Überregulierung, Überökonomisierung und die schmerzhafte Konditionierung durch Regresse.

Wenn zusätzlich noch wirtschaftliche Sorgen den Praxisalltag dominieren, weil Zusagen zur Entbudgetierung faktisch zurückgenommen werden, oder die zugesicherten Honorare für offene Sprechstunden und Terminvermittlung wieder entzogen werden, eskaliert die Situation. Das Vorgehen der Regierung wird von der Mehrzahl der Ärzte (auch der weniger betroffenen) als Verrat empfunden. Und dieser Verrat ruiniert nicht nur die Konzentrationsfähigkeit, sondern auch die innere Motivation. Statt die wichtigsten Stützen des Gesundheitssystems immer mehr zu überfordern, zu demotivieren und auszubrennen, sollte die Ministerin gerade in der jetzigen Situation ihre Leistungsträger besonders gut behandeln. Ohne diese Leistungsträger wird es keine Rettung des Gesundheitswesens geben. Es muss nicht einmal am Finanziellen scheitern. Das Geld ist ja da – es wird nur falsch ausgegeben, nämlich in den Palästen der Krankenkassenbürokratie. Die 10 Milliarden, die man, wenn man wollte, hier problemlos holen kann, würden das ambulante System, auf das es jetzt so ankommt, zu ganz neuer Blüte bringen.
Man müsste vielleicht etwas lauter sprechen, damit die Ministerin das versteht.

DR. MATTHIAS SOYKA ist Orthopäde und Buchautor.
Aktuell im Buchhandel: „Dein Rückenretter bist du selbst“, Ellert&Richter / Hamburg
www.dr-soyka.de
Youtube Kanal „Hilfe zur Selbsthilfe“

In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Matthias Soyka, Dr. Bernd Hontschik und Dr. Christine Löber.

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