Die Demogorgons vom MDK
Kolumne
von Dr. Christine Löber, HNO-Ärztin in Hamburg-Farmsen
Auf Anraten meiner Tochter bin ich mit der Netflix-Serie „Stranger Things“ in Kontakt getreten. Stranger und noch strangere things gibt es in der Medizin ja zuhauf, aber eine Figur der Serie ist quasi deckungsgleich mit einer Figur aus unserem Alltag. Ein Demogorgon ist ein schleimiges, menschenähnliches Wesen, das sich zwar ankündigt, aber einen dann doch recht überraschend zuhause besucht und dabei für Zerstörung sorgt. Es ist nicht sehr klug und hat ausschließlich Böses im Sinn. Niemand mag es, die meisten haben Angst vor ihm. Es kommt aus einer anderen Welt, die so ähnlich aussieht wie unsere, uns aber fremd und düster erscheint. Demogorgons sind also das Hollywood-Analogon zu ganz besonderen Untieren aus unserer Wirklichkeit: Den medizinischen Gutachtern.
Es ist eine der zuverlässigsten Szenen im ärztlichen Alltag: Ein Patient berichtet empört von einer abgelehnten Leistung, man runzelt die Stirn, schüttelt wissend den Kopf und sagt den beruhigenden Satz: „Ja, das liegt am MDK, da wird immer alles erstmal abgelehnt, unfassbar!“ Gesagt ist damit alles – und nichts. Der Schuldige ist benannt, die eigene Rolle moralisch aufgewertet, die Situation emotional entschärft. Dass man selbst weder die sozialmedizinischen Kriterien kennt noch den gesetzlichen Rahmen, in dem solche Entscheidungen getroffen werden, stört erstaunlich selten. Unbekannt scheint auch die Tatsache zu sein, dass der Medizinische Dienst gar kein K mehr am Ende trägt. Aber Empörung funktioniert schließlich auch ohne Sachkenntnis.
Diese Form des kollektiven Mitmotzens hat sich als ärztliches Ritual etabliert. Sie signalisiert Nähe zum Patienten, ohne tatsächlich hilfreich zu sein. Denn wer pauschal den Gutachter, den MD oder ähnliche Institutionen diskreditiert, klärt nicht auf, sondern bestätigt Gefühle von Ungerechtigkeit und Ohnmacht. Erwartungen werden geweckt, die rechtlich nicht erfüllbar sind, und aus Frustration wird schnell Verbitterung. Am Ende steht nicht mehr Orientierung, sondern das diffuse Gefühl, „das System“ arbeite gegen einen. Dass Ärztinnen und Ärzte dieses Narrativ gern aktiv befeuern, ist bemerkenswert – und alles andere als harmlos.
Der Kern des Problems liegt in einer hartnäckigen Verwechslung ärztlicher Rollen. Klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte handeln therapeutisch, individualbezogen, parteilich im besten Sinne. Medizinische Gutachter hingegen handeln sozialmedizinisch. Ihre Aufgabe ist nicht, das individuell Wünschenswerte zu ermöglichen, sondern das gesetzlich Geschuldete zu bewerten. Sie fragen nicht: „Was wäre für diesen einen Menschen ideal?“, sondern: „Welche Leistungen können unter fairen, nachvollziehbaren Kriterien für viele Menschen verantwortet werden?“ Das ist kein ethischer Mangel, sondern der Kern sozialmedizinischer Verantwortung.
Sozialmedizin ist die Disziplin, die dort anfängt, wo individuelle Medizin an systemische Grenzen stößt. Sie denkt nicht in Einzelfallmaximierung, sondern in Gerechtigkeit, Vergleichbarkeit und Nachhaltigkeit. Es geht um Millionen Versicherte, nicht um den lautesten oder verzweifeltsten Fall. Wer diesen Perspektivwechsel ignoriert, übersieht, dass Solidarität ohne Begrenzung nicht existiert. Ein System, das immer „ja“ sagt, wäre nicht menschlicher, sondern schlicht nicht mehr existent.
Ironischerweise wird ausgerechnet diese anspruchsvolle Übersetzungsarbeit gern als „berufsethisches Paradoxon“ abgetan. Als säßen dort Ärztinnen und Ärzte, die sich von der Medizin verabschiedet hätten. In der Klinik wurden die „Muddis“ (Fachärztinnen), die nicht selten auch wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ins Begutachtungswesen gewechselt hatten, in abwertender Weise belächelt. Die Realität ist deutlich weniger bequem für solche Zuschreibungen. Medizinische Gutachter sind in aller Regel hochqualifizierte Kolleginnen und Kollegen mit langjähriger klinischer Erfahrung, oft ergänzt durch fundierte sozialmedizinische Zusatzqualifikationen. Sie arbeiten unter hohem Zeitdruck, mit komplexen Aktenlagen, strengen rechtlichen Vorgaben und der Gewissheit, dass jede Bewertung reale Konsequenzen hat. Wer das für einen Schonposten hält, hat entweder nie begutachtet – oder nicht genau hingeschaut.
Besonders problematisch wird es, wenn klinisch Tätige ihre eigene Hilflosigkeit angesichts systemischer Grenzen durch moralische Abwertung kompensieren. Das gemeinsame Schimpfen über den MD ersetzt dann die unbequeme Erklärung, warum bestimmte Ansprüche nicht bestehen oder warum ein Widerspruch zwar möglich, aber nicht automatisch erfolgreich ist. Das mag im Moment entlastend wirken, untergräbt aber langfristig Vertrauen – nicht nur in Institutionen, sondern in ärztliche Kompetenz insgesamt.
Natürlich sind Gutachten kritisierbar. Natürlich gibt es fehlerhafte Bewertungen, Zeitmangel und Verbesserungsbedarf. Aber pauschale Abwertung ersetzt keine Analyse, und Ironie ohne Sachkenntnis bleibt billig. Wer ärztliche Kolleginnen und Kollegen allein aufgrund ihrer gutachterlichen Tätigkeit moralisch diskreditiert, trägt nicht zur Patientenorientierung bei, sondern zur weiteren Polarisierung eines ohnehin belasteten Systems.
Vielleicht wäre es an der Zeit, medizinische Gutachter nicht länger als Monster wahrzunehmen. Und Sozialmedizin nicht als lästige Randdisziplin zu behandeln, sondern als das, was sie ist: die ärztliche Kunst, individuelle Medizin und kollektive Verantwortung miteinander zu versöhnen.
DR. CHRISTINE LÖBER ist HNO-Ärztin und Buchautorin.
Aktuell im Buchhandel: „Immer der Nase nach“ (zusammen mit Hanna Grabbe), Mosaik Verlag / Hamburg
In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Christine Löber, Dr. Matthias Soyka und Dr. Bernd Hontschik.