Und wer nimmt mich eigentlich ernst?
Kolumne
von Dr. Christine Löber, HNO-Ärztin in Hamburg-Farmsen
Es gehört inzwischen zum festen Repertoire öffentlicher Empörung: Patientinnen und Patienten berichten, sie würden von Ärztinnen und Ärzten „nicht ernst genommen“.
Kaum ein Gesundheitsbeitrag kommt ohne diesen Vorwurf aus. Besonders zuverlässig fällt er dort, wo keine klare körperliche Ursache gefunden wird und irgendwann der Begriff „psychosomatisch“ im Raum steht. Dann ist das Urteil oft schon gefällt.
In der Literatur finden sich viele Erhebungen über das rein subjektive „Nicht-ernst-genommen-Werden“ auf Patientenseite. Objektive Situationsanalysen mit Berücksichtigung der Arztperspektive habe zumindest ich nicht auffinden können. Wie auch, wird der Unmut über das Behandlungsergebnis ja regelhaft erst später im Internet oder im Freundeskreis veröffentlicht. Interessant ist, dass Patienten sich meist dann nicht ernst genommen fühlen, wenn keine klare somatische Diagnose gestellt werden kann – unabhängig von der Gründlichkeit der Untersuchung, also dem eigentlichen „Ernstnehmen“.
Ernst-genommen-Werden bedeutet für viele Patienten: Meine Krankheitserklärung wird bestätigt. Mindestens genauso interessant ist, dass offenbar gerade die besonders gründlich untersuchten Patienten sich am wenigsten ernst genommen fühlen.
Besonders zuverlässig eskaliert das Ganze beim Stichwort „psychosomatisch“. Kaum fällt es, wird aus Medizin Kränkung. „In die Psycho-Ecke geschoben“, „nicht ernst genommen“, „alles nur eingebildet“. Dass es sich bei der Psychosomatik um ein eigenständiges Fachgebiet handelt, das genau für Beschwerden ohne klare organische Ursache zuständig ist und in der Abklärungskaskade einen wichtigen Platz hat, wird konsequent ignoriert. Psychisch gilt weiterhin als minderwertig – und wer darauf verweist, hat verloren.
In der öffentlichen Debatte geht es hier meist ausschließlich um Frauen, die sich nicht ernst genommen fühlen. In Befragungen sieht es bei den Männern aber auch nicht viel anders aus. Und, um es erneut zu betonen, die mediale Präsentation fragt selten, was wirklich passiert ist, sondern übernimmt die subjektive Deutung als objektiven Befund.
"Der Arzt hat mich nicht ernst genommen!“ ist ein Freifahrtschein im medizinischen Alltag. Ein Satz, der jede Kritik immunisiert und jede Selbstreflexion überflüssig macht. Wer ihn ausspricht, steht automatisch auf der richtigen Seite: leidend, übergangen, moralisch im Recht. Und auf der anderen Seite? Der Arzt – gleichzeitig arrogant und ahnungslos, wie eigentlich das ganze System. Das ergibt dann eben auch einen runden Zeitungsartikel und nimmt alle nicht Ernstgenommenen gut mit.
Wirklich alle? Bevor das „Nicht ernstgenommen“-Urteil gefällt wird, passiert in der Regel einiges, obwohl es in der Retrospektive oft vergessen wird. In vielen Fällen wird nicht nur zugehört, sondern wiederholt nachgefragt. Es wurden Laborwerte erhoben, Bildgebungen durchgeführt, Überweisungen veranlasst, Zweit- und Drittmeinungen eingeholt. Es wurde ausgeschlossen, abgeklärt, kontrolliert. Ein Aufwand, der in anderen Lebensbereichen als ausgesprochen gründlich gelten würde. In den meisten Fällen wird dann eine Therapie festgelegt, oder zumindest ein Vorschlag zum weiteren Procedere. Laut WHO ist die Nicht-Adhärenz in der Therapie fast die Norm. Ungefähr 50 Prozent der Patienten setzen die empfohlene Therapie nicht um. Empfehlungen werden nicht befolgt, Maßnahmen nicht begonnen, Termine nicht wahrgenommen. Monate später folgt die Wiedervorstellung – mit unveränderten Beschwerden und der Forderung, nun müsse „endlich etwas passieren“. Was genau, bleibt oft offen.
Für Ärztinnen und Ärzte entsteht daraus eine eigentümliche Situation: Sie sollen Verantwortung für einen Zustand übernehmen, dessen Veränderung maßgeblich außerhalb ihrer Kontrolle liegt. Sie diagnostizieren, erklären, empfehlen – und erleben dann, dass all das folgenlos bleibt. Nicht selten wird ihnen genau das später als Versäumnis ausgelegt. Und was ist das dann? Genau, nicht ernst genommen werden.
Patienten bezweifeln, dass ich durch eine Hörprüfung eine Krankheit erkennen kann, finden das absolut wirksame Medikament, das ihnen die Neurologin verschrieben hat, „nicht gut“, und akzeptieren eine Diagnose, die fünf Orthopäden unabhängig voneinander gestellt haben, nicht. Das Gefühl, in seiner professionellen Arbeit nicht ernst genommen zu werden, führt zu einem Verlust von Sinnhaftigkeit und bedingt zunehmende Frustration. Insbesondere dann, wenn man sich für die vermeintlich „schwierigen“ Patienten (die man nicht immer zwangsläufig als negativ empfindet) aufreibt und bemüht du am Ende wieder mit dem bekannten Satz konfrontiert wird.
Medizin ist sehr gut in Ausschlussdiagnostik, Patienten erwarten Bestätigungsdiagnostik. Das geht nicht immer gut zusammen und benötigt Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis. Natürlich gibt es schlechte Kommunikation, vorschnelle Zuschreibungen und echte Fehleinschätzungen. Medizin ist nicht frei von Fehlern. Aber ebenso wenig ist jede nicht gefundene Diagnose ein Beleg für mangelnde Sorgfalt. Vielleicht besteht das eigentliche Problem darin, dass zwei unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen, ohne dass sie ausgesprochen werden. Die eine Seite sucht Gewissheit, die andere kann oft nur Wahrscheinlichkeit bieten. Die eine erwartet eine Erklärung, die andere liefert manchmal nur den Ausschluss von Gefährlichem. Zwischen diesen beiden Polen entsteht ein Raum, in dem sich beide Seiten nicht ernst genommen fühlen.
Und vielleicht wäre ein erster Schritt, genau das anzuerkennen.
DR. CHRISTINE LÖBER ist HNO-Ärztin und Buchautorin.
Aktuell im Buchhandel: „Immer der Nase nach“ (zusammen mit Hanna Grabbe), Mosaik Verlag / Hamburg
In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Christine Löber, Dr. Matthias Soyka und Dr. Bernd Hontschik.