Eigeninitiative schließt Versorgungslücke in Norderstedt
Von Antje Thiel
Der Zusammenbruch der Miamedes-/HOA-Strukturen traf Norderstedt und das Hamburger Umland hart. Rund 2.500 onkologische Patienten standen vor verschlossenen Türen. Der Hamburger Krebsmediziner Dr. Eray Gökkurt und sein Team reagierten kurzentschlossen, bauten eine Zweigpraxis auf und übernahmen Verantwortung. Ein Beispiel dafür, wie freiberuflich tätige Ärztinnen und Ärzte und die Selbstverwaltung gemeinsam Versorgung sichern können.
Ende September 2025 gingen die Lichter in der hämatologisch-onkologischen Praxis der HOA SH GmbH in Norderstedt aus. Das Aus traf die zum Teil schwer erkrankten Menschen, die bis dahin dort in Behandlung waren, völlig unvorbereitet. Laufende Therapien, engmaschige Kontrollen, geplante Diagnostik – all das geriet ins Ungewisse. Für viele Betroffene war es nicht nur der Verlust einer vertrauten Anlaufstelle, sondern der Verlust von Sicherheit und Kontinuität.
Dass ihre onkologische Versorgung wieder sichergestellt ist, haben sie unter anderem der Initiative von Dr. Eray Gökkurt zu verdanken. Der niedergelassener Onkologe mit der Hämatologisch-Onkologischen Praxis Eppendorf (HOPE) als Hamburger Stammpraxis hat gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Alexander Stein eine Zweigpraxis in Norderstedt eröffnet, in der die gestrandeten Patientinnen und Patienten ihre Behandlung fortsetzen können.
Unklarheiten über die finanzielle Lage
Schon vor der plötzlichen Schließung der Praxis hatte Gökkurt eine Anfrage der Miamedes-Betreiber erhalten: „Man hatte uns gefragt, ob wir die Praxis kaufen möchten. Noch vor dem Aus in Norderstedt, aber nachdem die Presse schon über die Schließungen anderer Miamedes- bzw. HOA-Standorte berichtet hatte.“ Die Idee einer Übernahme wurde geprüft, jedoch verworfen. „Wir haben rasch verstanden, dass preisliche Vorstellungen, der aktuelle Zustand der Praxis und Unklarheiten über die finanzielle Lage das unmöglich machten. Damals waren ja schon Gehälter nicht gezahlt worden“, erinnert sich Gökkurt.
Ein klassischer Praxiskauf kam also nicht infrage. Stattdessen stellten Gökkurt und sein Team sich eine andere Frage: Wie lässt sich die Versorgung der Patientinnen und Patienten stabilisieren, wenn bestehende Strukturen wegbrechen? „Wir sind ja keine profitorientierten Unternehmer oder Investoren, wir arbeiten selbst von morgens bis abends am Patienten. Aber wir fanden, dass es für die Versorgung in Hamburg und im näheren Umland sinnvoll wäre, aktiv zu werden.“
KV Schleswig-Holstein genehmigte Sonderbedarf
Frühzeitig informierte Gökkurt die KV Schleswig-Holstein über sein Interesse an den freiwerdenden Praxissitzen. Die Selbstverwaltung zeigte sich offen für die Idee einer Zweigpraxis in Norderstedt, um die onkologische Versorgung vor den Toren Hamburgs sicherzustellen. Die KV Hamburg steuerte ebenfalls unbürokratisch die notwendigen Unterlagen bei. „So konnten wir mit unseren Hamburger Sitzen in Schleswig-Holstein eine Zweigpraxis gründen“, erklärt Gökkurt.
Was unter normalen Umständen einen langen Vorlauf benötigt, musste nun unter erheblichem Zeitdruck umgesetzt werden. „Meine Hauptsorge zu diesem Zeitpunkt war, dass doch noch ein Investor auf der Bildfläche erscheint, der die Miamedes-Praxen und damit auch den Norderstedter Standort kauft. Das ist zum Glück aber nicht passiert“, berichtet der Onkologe. Binnen vier Wochen waren zumindest vorübergehende Räumlichkeiten gefunden, bereits am 24. November 2025 behandelte das Team die ersten Patientinnen und Patienten. Anfang Dezember 2025 wurde auch ein Sonderbedarfssitz bewilligt.
Gründung im Eiltempo war immenser Kraftakt
Organisatorisch war die Praxisgründung im Eiltempo ein immenser Kraftakt. Schließlich war die Hamburger Stammpraxis mit ihrem angegliederten Studienzentrum auch zuvor schon gut ausgelastet. „Ich habe mich vorübergehend aus dem Studiengeschäft zurückgezogen, zwischen zwei Patienten immer wieder mit der KV telefoniert, abends ein paar Stunden drangehängt… wie man als Arzt halt arbeitet, das sind wir ja gewohnt“, schmunzelt Gökkurt.
Dass der Start der Zweigpraxis so rasch gelang, führt er aber in erster Linie auf sein bewährtes Team zurück: „Unsere Mitarbeitenden sind super organisiert und haben uns bei unserem Vorhaben unterstützt.“ Auch weitere Praxisangestellte kamen rasch an Bord: „Wir haben relativ schnell zwei Medizinische Fachangestellte, die vorher in Norderstedt gearbeitet haben, für die Zweigpraxis gewinnen können.“
Kontinuität in der ärztlichen Betreuung
Ärztlich gelang ebenfalls ein beinahe nahtloser Übergang: So schloss sich der zuvor bei der HOA SH angestellte Hämatologe und Onkologe Prof. Stefan Peters dem neuen Team an. „Er kennt viele der Patienten und hatte ihre Krankheitsgeschichten noch im Gedächtnis“, sagt Gökkurt. Gerade in der Onkologie, wo Therapiepläne auf Vorbefunden, Laborwerten und Verlaufsdokumentationen aufbauen, ist Kontinuität ein entscheidender Faktor.
Nach dem Aus der Norderstedter HOA-Praxis hatte allerdings niemand Zugang zu den Behandlungsakten, lediglich vereinzelt brachten Patientinnen und Patienten die eine oder andere Unterlage in die Sprechstunde mit. Anderes hingegen musste rekonstruiert werden. „Man kommt über Umwege an die Laborwerte oder die verordneten Medikamente zur Chemotherapie heran, wenn man die Apotheke kennt – doch das alles macht natürlich viel Arbeit“, erzählt der Onkologe.
Dankbare Patientinnen und Patienten
Um genug Zeit für derartige Nachforschungen zu haben, startete die Zweigpraxis zunächst mit reduzierten Sprechzeiten. Was Gökkurt seither besonders beeindruckt, waren die Reaktionen der Patientinnen und Patienten. „Sie reagieren großartig, sind sehr dankbar und freuen sich. Da merkt man wieder, warum man den Job macht.“ Noch sei vieles „ein bisschen klein und provisorisch“, neue Räumlichkeiten würden bereits gesucht, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.
Dass es seit Anfang Februar 2026 mit der neuen onkologischen Praxis von Dr. Suna Hentschke eine weitere Anlaufstelle für Krebspatientinnen und -patienten in Norderstedt gibt, bereitet Gökkurt hingegen kein Kopfzerbrechen: „Wir waren im Vorfeld miteinander im Gespräch und hätten sie auch gern bei uns mit an Bord gehabt“, verrät er. „Die Kollegin hat sich dann aber entschieden, eine eigene Praxis zu eröffnen – und das ist völlig in Ordnung. Ich wünsche Frau Hentschke viel Erfolg!“
Kritik an strukturellen Fehlentwicklungen
Für Gökkurt ist der Fall Norderstedt mehr als eine regionale Episode. Er sieht darin ein Lehrstück für strukturelle Entwicklungen im ambulanten Bereich. Besonders kritisch bewertet er MVZ-Ketten mit komplexen Eigentümer- und Betreiberstrukturen. „Man kann das nicht anders als kritisch sehen, weil kein Investor ein intrinsisches Interesse an einer guten und sinnvollen medizinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten hat. Deren primäres Interesse ist es, Geld zu verdienen.“
Im Gesundheitswesen könne man nun einmal kein Geld damit verdienen, dass man abends noch bei Patientinnen und Patienten anruft und sich kümmert. „Es sind bestimmte Ziffern, die sich finanziell auszahlen, da gibt es bei Investoren klare Wertschöpfungsketten“, meint der Onkologe. Natürlich müssten auch Freiberufler wirtschaftlich denken. Doch sie stünden als freiberuflich tätige Ärztinnen und Ärzte unmittelbar für Personal, Organisation und Versorgungsqualität ein. „Wir arbeiten schließlich direkt mit unseren Angestellten zusammen.“
Eigentümerschaft macht den Unterschied
In einer investorgeführten Einrichtung hingegen kenne der Eigentümer die darin arbeitenden Menschen oftmals gar nicht, sagt Gökkurt und ergänzt: „Es ist auch ein Unterschied, ob man angestellt oder freiberuflich arbeitet. Wer nur angestellt ist, fühlt sich nicht in gleichem Maße verantwortlich.“ In großen, kapitalgetriebenen Strukturen gehe dieses unmittelbare Verantwortungsgefühl leichter verloren.
Gökkurt plädiert deshalb für mehr Transparenz: „Es sollte klare Mindestanforderungen geben, was die Transparenz über die Inhaberschaft angeht. Wenn ich bei einem Kongress einen Vortrag halte, muss ich ja auch meine Interessenskonflikte offenlegen – so etwas muss es bei Eigentümerstrukturen also auch geben.“ Patientinnen und Patienten müssten nachvollziehen können, wer hinter einer Einrichtung steht.
Unternehmerisches Risiko muss sich lohnen
Gleichzeitig richtet sich sein Blick auf die Zukunft der Freiberuflichkeit. Die Rahmenbedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren verschärft. „Man muss wahnsinnig viel arbeiten, um gut zu verdienen. Verzögerte KV-Auszahlungen, eine seit 1996 unveränderte GOÄ – das ist nicht attraktiv.“ Viele junge Ärztinnen und Ärzte stellten sich daher die Frage, ob das unternehmerische Risiko der Niederlassung noch in einem angemessenen Verhältnis zum Verdienst stehe.
Gökkurts persönliches Fazit bleibt dennoch eindeutig positiv. „Ich habe den Schritt in die Niederlassung überhaupt nicht bereut, das war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit und wundere mich, dass es kurz darauf schon 19 Uhr und damit Zeit für Feierabend ist.“ Sein Appell an jüngere Kolleginnen und Kollegen fällt entsprechend differenziert aus: „Traut euch, in die Niederlassung zu gehen. Es lohnt sich schon. Aber ich verstehe auch, warum jemand davor zurückschreckt. Die Bedingungen sind schwierig.“
Der Fall Norderstedt zeigt exemplarisch, was ambulante Versorgung im Kern trägt: Ärztinnen und Ärzte, die Verantwortung übernehmen, Teams, die unter Zeitdruck Außergewöhnliches leisten, und eine Selbstverwaltung, die flexible Lösungen ermöglicht – das waren zentrale Voraussetzungen dafür, dass aus einer drohenden Versorgungslücke binnen Wochen wieder ein stabiler Versorgungsstandort werden konnte.
Antje Thiel ist freie Journalistin