Topf und Deckel
Kolumne
von Dr. Christine Löber, HNO-Ärztin in Hamburg-Farmsen
“Der Arzt war überhaupt nicht empathisch!“
„Ist immer so, meine Hausärztin erklärt dann immer noch ganz lange, obwohl ich ja eigentlich in die Werkstatt muss, null Empathie.“
„Das wird denen wohl nie beigebracht im Studium.“
Wenn Kontakte zwischen Patient und Arzt nicht zufriedenstellend ablaufen, kommt sehr schnell das Schlagwort Empathie ins Spiel, von den Social Media-Experten auch häufig „Emphathie“ genannt. Meist geschieht das in hochemotionalen Diskussionen.
Das mag daran liegen, dass Empathie mittlerweile parallel als Serviceleistung, als Charaktereigenschaft, als Klagegrund und als etwas vollkommen individuell Zugeschnittenes, Gefühliges, immer Passendes gesehen wird – allerdings nicht so, wie es ursprünglich gedacht war.
Empathie ist ein Begriff, der Philosophie, Psychologie, Verhaltensforschung und viele weitere Fachrichtungen schon intensiv beschäftigt hat. War es für den Vater im Altertum akzeptabel, sein Kind zu töten, besitzen Kinder heute einen gesetzlichen Anspruch auf gewaltfreie Erziehung. Auch die Brutalität, mit der die Frau im Mittelalter behandelt werden durfte, ist heute nicht mehr vorstellbar. Es ist nicht in Gänze erforscht, warum die Menschen, die ja schon immer mit Spiegelneuronen ausgestattet waren, mit zunehmender Zeit (und zunehmender Änderung der Lebensbedingungen) einen emotionalen Paradigmenwechsel erlebten.
Erfreulicherweise ist es ja aber so, und mit der Zeit hat das Thema Empathie auch die Medizin erreicht.
Das einfach in jede Arztunzufriedenheit geworfene Wort Empathie ist gar nicht so einfach. Zunächst einmal hat es vier Säulen, nämlich Wahrnehmung, Verständnis, Resonanz und Antizipation. Das bedeutet, dass wir beim empathischen Handeln in Sekunden klären, wie es jemandem geht, warum es ihm so geht, wie ich darauf reagiere, und wie der andere auf meine Reaktion reagieren wird. Probleme sind da natürlich vorprogrammiert.
In der groben Struktur war die Empathie schon immer ein überlebenswichtiges Instrument. Versetzen wir uns von der Sprechstunde in die Steinzeithöhle.
Der Mann geht seiner Jagerei mit der Keule nach, da kommt irgendein Steinzeitbär um die Ecke.
Um zu wissen, ob er den Bären mit der Keule überwältigen soll oder lieber wieder in die Höhle läuft, braucht er viele Teile des empathischen Konstrukts. Sekundenschnell laufen diese Überlegungen bei uns allen auch immer noch ab.
Anders als die aufgebrachten Patienten denken, fehlt es kaum jemandem von uns wirklich an Empathie.
Der wichtigste Faktor, der bei Reibereien zwischen Patient und Arzt selten berücksichtigt wird, ist die ganz simple Tatsache, dass sich da zwei Menschen treffen.
Menschen sind vielschichtige, eigensinnige, genetisch determinierte, vom Leben geprägte, unvorhersehbare Kreaturen. Das gilt auch in unserem Metier, und auch für beide Gesprächsteilnehmer.
Der Patient ist da, weil er krank ist, der Arzt ist da, weil er das beheben soll.
Krankheitserscheinungen können die Stimmung beeinflussen, aber die pubertierende Tochter von Herrn Mustermann auch. Er hat hier auch schon viel zu lange gewartet, alles Mist. Und dann ist der Arzt irgendwie auch nicht so nett wie immer und redet viel schneller.
Der Arzt hingegen denkt an die Beerdigung seiner Mutter am Dienstag, schläft seit ein paar Tagen schlecht, den Regressbescheid hat er noch nicht aufgemacht und jetzt ist dieser Patient wieder da, der war doch letzte Woche schon hier.
Das ist die Ausgangsposition einer Behandlung nur aufgrund irgendwelcher zufälligen äußeren Faktoren.
Dies Gespräch kann ohne Weiteres trotzdem gut ausgehen. Wir Ärzte sind immer der Teil der Besetzung, der die tragende Nebenrolle hat. Wenn der Hauptdarsteller nicht zurechtkommt, müssen wir das auffangen.
Klassische Nebenrollen-Vorgehensweise: Umschalten auf eine fröhliche Mimik, aber nicht zu doll, trotz des inneren Chaos leicht zurücklehnen im Stuhl, Stimme runter und langsam, und auch mal nickend vorbeugen.
Der Patient erzählt was. Nach den ersten zwei Sätzen ist klar, worum es hier geht, das Gehirn hört parallel zu und denkt an den Bestattungsunternehmer, und dass die Mutter einfach so sehr fehlen wird.
Auftragserledigung wie oben beschrieben, automatisierte freundliche Worte und Auf Wiedersehen.
Empathie: fast null. Patientenzufriedenheit: fast hundert Prozent, der ist so ein lieber Arzt, kümmert sich immer so.
Diese Situation wird vielen von uns gut bekannt sein. In diesem Zusammenhang fand ich die Begriffe „kalte Empathie“, die die Fähigkeit beschreibt, die Emotionslage des anderen sehr wohl zu verstehen, aber keine Gefühle dazu zu entwickeln. In der Folge finden sich unendliche Abhandlungen über Narzissmus, auch wieder eine sehr einseitige Betrachtungsweise.
Es ist aber sehr spannend, wie ein Schauspiel von Empathie genauso, wenn nicht sogar besser als ein echtes Empathieempfinden, zu einem sehr guten Patientenkontakt führen kann. In Situationen, in denen ich ehrliche, ausgeprägte Empathie empfinde, bin ich zum Beispiel recht still und eher unbeholfen.
Wenn ich in der Rolle sein kann, bin ich sicher und versiert. Ist es dann schlimm, aus der Sprechstunde eine Bühne zu machen? Meines Erachtens nicht, da neben dem guten Gefühl des Patienten meine eigene Abgrenzung gegenüber mehr als 1200 Patienten im Quartal deutlich besser funktioniert. Und wenn man weiß, wie man Empathie spielt, kennt man sie eben auch gut.
Zentral bleibt aber weiterhin das Problem, dass Menschen individuell anders wahrnehmen, anders emotional berührt sind, sich anders ausdrücken und anders reagieren. Im Idealfall passt das in der Praxis, aber mitunter eben auch nicht.
Der, der einmal im Jahr zum Ohrensäubern muss, will – meist - gar nicht reden und rennt gleich wieder raus. Die 40-jährige Mutter, die ihre Mammakarzinom-Diagnose bekommt, braucht – meist – einen vollkommen anderen Kontakt.
Wenn der Gynäkologe jetzt unbeholfen und fast abweisend wirkt, ist das möglicherweise gerade kein Empathieproblem, sondern sein Umgang mit schwierigen Situationen. Wenn ein Patient mit einem wortkargen Kollegen sehr gut zurechtkommt, bedeutet das nicht, dass er sich mit meinem Gerede wohlfühlt. Mit Empathie hat das nichts zu tun.
Empathie bedeutet nicht, in jeder Situation für jeden Menschen sofort erraten zu können, was genau dieser jetzt gerade für empathisch halten könnte. Das ist nicht blöd oder böse, sondern menschlich.
Es geht also auch um viele Schichten anderer Merkmale, damit sich Patient und Arzt verstehen. Topf und Deckel.
Die Hauptaufgabe im Gespräch bezüglich Empathie hat der Behandler, aber das bedeutet nicht, dass das eine Einbahnstraße ist. Auch Patienten dürfen empathisch sein.
Neulich hatte ich eine ältere Dame in der Sprechstunde.„Ich komme gerade vom Hausarzt, der arme Kerl, der sah ganz blass aus und hat mich auch gleich so angepampt, da habe ich gesagt, na komm min Jung, das wird schon wieder. Muss man ja auch mal sagen, oder was meinen Sie.“
Insofern muss man sich vielleicht manchmal auch fragen, wenn jemand anders schon wieder keine Empathie hatte, ob das vielleicht ein gegenseitiges Problem war.
DR. CHRISTINE LÖBER ist HNO-Ärztin und Buchautorin.
Aktuell im Buchhandel: „Immer der Nase nach“ (zusammen mit Hanna Grabbe), Mosaik Verlag / Hamburg
In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Christine Löber, Dr. Matthias Soyka und Dr. Bernd Hontschik.