Keine Kostenexplosion, sondern eine Implosion der Einnahmen
Kolumne
von Dr. Matthias Soyka
Orthopäde in Hamburg-Bergedorf
Die Krankenkassen wollen im Gesundheitswesen sparen. Natürlich nicht bei sich selbst, sondern bei denjenigen, die die Leistung im Gesundheitswesen bringen. Exemplarisch der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes Oliver Blatt: „Von den Kliniken über die Pharmaindustrie bis zu der niedergelassenen Ärzteschaft müssen nun alle einen fairen Beitrag leisten, damit die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler nicht länger unter immer weiter steigenden Krankenkassenbeiträgen leiden müssen“ (Tagesschau 3.12.2025)
Passend dazu präsentiert der DAK-Vorsitzende Andreas Storm Berechnungen des IGES-Instituts, die ein Defizit von 11,8 Milliarden Euro für die gesetzliche Krankenversicherung ab 2027 prognostizieren. Die Sozialbeiträge könnten auf 50 Prozent, die GKV-Beiträge auf über 20 Prozent steigen. 11,8 Milliarden ist eine ganz schöne Summe. Sie entspricht aber ziemlich genau dem Betrag, den man sparen könnte, wenn man den ganzen Krankenkassen-Moloch auf das Nötigste zusammenstreichen und mit KI auf Vordermann bringen würde. (Weitere zehn Milliarden brächte es, wenn der Bund die GKV-Kosten für Bürgergeld Empfänger komplett bezahlen würde).
Auch sonst sehen die realen Probleme anders aus, als die Kassen es suggerieren. Die Kosten der Medizin steigen zwar. Der Rückgang der Krebssterblichkeit ist eben nicht umsonst zu haben. Trotzdem haben wir weniger eine Kostenexplosion, sondern vor allem eine Implosion der Einnahmen.
Der Gesundheitsökonom und Leiter des Kieler Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA), Prof. Thomas Drabinski, hat den wichtigsten Grund kürzlich in einer Studie benannt: „Jährlich wechseln inzwischen deutlich über eine Million Menschen direkt aus der Erwerbstätigkeit in den Rentenstatus.“ Drabinski spricht von einem systematischen „Schock für die jährlichen GKV-Bilanzen“. Für ihn besteht das Grundproblem der GKV darin, dass die einkommensabhängige Beitragsbasis einbricht, weil immer mehr Menschen in Rente gehen. Sie zahlen weniger ein, während ihr Behandlungsbedarf immer weiter steigt. Er prophezeit ein dauerhaftes strukturellen Defizit, das durch keine Form von Steuerung oder Kostendämpfung aufgefangen werden könne.
Drabinski empfiehlt unter anderem eine einkommensunabhängige Gesundheitspauschale, die auch die Rentner stärker an den Kosten beteiligen würde. Das hört sich auf jeden Fall vernünftiger an als alles, was man von den Kassen zu hören bekommt.
Vermutlich gehen die Probleme auf der Einnahmeseite sogar noch tiefer. Denn uns steht ja nicht nur der reguläre Renteneintritt der Boomer-Generation bevor. Viele Boomer sind schon vorzeitig in Rente gegangen – mit dem Segen und der Patenschaft der Politik. Dabei profitieren von vorzeitigem Ruhestand und Altersteilzeit weniger die oft zitierten Malocher, für die eine frühzeitige Altersrente angemessen wäre. Der Vorruhestand ist vor allem ein Privileg der eher Besserverdienenden in White-Collar-Jobs, die ihre Arbeit durchaus länger machen könnten. Sehr häufig wurden in den vergangenen Jahren Vorruhestandsregelungen von Firmen und Behörden benutzt, um Arbeitskräfte „sozialverträglich“ freizusetzen. Doch sozialverträglich ist daran nichts. Denn erstens bekommen die Freigesetzten niedrigere Renten. Und zweitens gibt es nicht erwartete Nebenwirkungen der Beschäftigungslosigkeit, in manchen Fällen sogar ein höheres Mortalitätsrisiko. Eine weitere Seite der Frühverrentung ist die Belastung der Sozialkassen. Denn der Frühverrentete zahlt weniger in die Sozialkassen ein.
Aber auch ein später Berufseinstieg mindert die Einnahmen der Sozialkassen. Obwohl es keinen Wehr- und Ersatzdienst mehr gibt (dafür aber ein „Turbo-Abitur“), beginnen viele ihren Beruf verzögert. Jeder kennt Jugendliche, die sich über Jahre nicht entscheiden können (und auch nicht müssen), welchen Beruf sie ergreifen wollen. Aber auch die Strebsamen beginnen oft spät mit ihren Beitragszahlungen, weil ehemalige Ausbildungsberufe jetzt ein Studium benötigen. Ein späterer Berufsanfang mindert die im Laufe des Lebens gezahlte Beitragssumme genauso wie ein früher Ausstieg aus dem Beruf. Das gilt erst recht für diejenigen, die sich mit Mühe und KI durch einen der „Verlegenheitsstudiengänge“ quälen, und oft noch später im Berufsleben ankommen.
Insgesamt wird so weniger Erwerbstätigkeit erbracht, als es möglich und nötig wäre und geringere Krankenkassenbeiträge eingezahlt, die aber trotzdem den Anspruch auf das volle Leistungsspektrum gewähren.
In den letzten Monaten gab es eine lebhafte Debatte um die Teilzeit-Arbeit, in die ich mich mit dieser Kolumne explizit nicht einmischen will.
Aber auch zu dieser Debatte sollte eine ehrliche Bestandsaufnahme gehören. Und die sieht so aus, dass sehr viele Teilzeitarbeiter - wie die Rentner - wenig in die Sozialkassen einzahlen und trotzdem volle Ansprüche bekommen. Das ist in der Rentenversicherung übrigens anders. Die Rentenansprüche sind an die Höhe der individuellen Einzahlungen gekoppelt. Nur in der Krankenversicherung bekommt man auch bei minimalen Beiträgen den vollen Leistungsanspruch, und zwar nicht nur für sich, sondern für die ganze Familie.
Ausgenommen ist von dieser Rechnung die Teilzeitarbeit von (verheirateten) Müttern oder Vätern. Diese bewirkt sogar einen gegenteiligen Effekt, also ein Plus für die Sozialkassen. Denn ohne Teilzeitarbeit würde ja nur der Beitrag des berufstätigen Partners bei der GKV verbucht. Mit Teilzeit kommt ein Teilbeitrag hinzu. Das Minus für die Sozialkassen bringen die anderen Modelle der Teilzeitarbeit, die fast jedem Arzt bekannt sind.
Ich habe diverse Patienten, die mir ihre Lebensmodelle freimütig offenbaren. Die junge Frau, die an einer Karriere als Influencerin bastelt, verdingt sich „zur Sicherheit“ (und vermutlich zur Beruhigung ihrer Eltern) noch auf einem regulären Elf-Stunden-Job, um zumindest krankenversichert zu sein. Ein junger Mann, den ich behandelte, wollte sich als freiberuflicher Fitnesstrainer und Coach profilieren, auf eine volle Krankenversicherung für sich und seine Familie aber nicht verzichten. Eine Viertel-Stelle in seinem alten Beruf machte es möglich.
Hier geht es nicht um das Pro und Contra dieser Lebensmodelle oder von Teilzeit überhaupt. Ich kann die Motive oft verstehen. Die Kosten und Folgen dieser neuen Arbeitswelt sollten aber ehrlich benannt und nicht den Leistungserbringern angekreidet werden. Ehrlich wäre es, zuzugeben, dass der Anstieg der Beitragssätze vor allem daran liegt, dass eine wachsende Zahl von Versicherten wenig in die Sozialkassen einbringt, aber trotzdem alle Leistungen des Gesundheitswesens genießt. Und das liegt nicht an den Leistungserbringern!
Wenn der Beitragssatz für die Krankenversicherung wirklich irgendwann auf 25 Prozent steigen würde, müsste natürlich auch der junge Mann mit seiner Viertel-Stelle diese 25 Prozent zahlen. Aber absolut und inflationsbereinigt wäre seine Beitragssumme immer noch niedriger als das, was ein Familienvater in den 90er-Jahren beigesteuert hätte.
Es ist klar, dass dieses Modell den medizinischen Fortschritt nicht finanzieren kann. Die Idee, zumindest für den Arbeitnehmeranteil einen festen Grundbeitrag zu nehmen, der sich an den realen Kosten orientiert, ist daher vielleicht gar nicht so schlecht. Wir sollten zumindest eine vorurteilsfreie Debatte darüber beginnen.
DR. MATTHIAS SOYKA ist Orthopäde und Buchautor.
Aktuell im Buchhandel: „Dein Rückenretter bist du selbst“, Ellert&Richter / Hamburg
www.dr-soyka.de
Youtube Kanal „Hilfe zur Selbsthilfe“
In dieser Rubrik drucken wir abwechselnd Texte von Dr. Matthias Soyka, Dr. Bernd Hontschik und Dr. Christine Löber.