3/2026 3/2026

Das leidige Thema Telefon-AU

Von Gregor Brinckmann

Die Debatte um hohe Krankenstände in den Betrieben greift zu kurz. Wer die Telefon-AU ins Zentrum rückt, ignoriert die Statistik – und riskiert unnötige Zusatzbelastungen der hausärztlichen Versorgung.

Zurzeit werden offensichtlich wieder Säue durch das gesundheitspolitische Dorf getrieben: Die Arbeitgeber beklagen hohe Fehlzeiten, und der Kanzler springt ihnen bei und verortet gleichsam die Schwäche der deutschen Wirtschaft in diesem Umstand.
Das könnte man noch verstehen – man scheint auf der Suche nach Sündenböcken zu sein, die an der schlechten Wirtschaftslage zumindest eine Mitschuld tragen. Allein: Eine Diskussion über die Telefon-AU ist hierfür in keinster Weise geeignet.

Gerade einmal zwei Prozent der AUs werden telefonisch ausgelöst, schon allein diese Zahl führt den Sturm im Wasserglas ad absurdum.
Nicht ohne Grund kämpft der Hausarztverband seit langem für die Einführung und Beibehaltung der Telefon-AU: Sie entlastet unsere Praxen und die Patienten von überflüssigen Arztbesuchen. Und eine Entlastung der Praxen ist dringend nötig – hier droht (auch) auf wirtschaftlicher Ebene demnächst der Kollaps. Ein Befund, der, wenn über Gesundheitspolitik gesprochen wird, inzwischen von fast allen Seiten anerkannt wird. Dann wird nach Lösungen händeringend gesucht… und durch ein eventuelles Streichen der Telefon-AU konterkariert.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der AUs nicht durch die telefonischen AUs gestiegen ist. Das dürfte andere Gründe haben.
Arbeitgeber können von der Krankenkasse über eine Pflichtversicherung den Arbeitslohn anteilig für nachgewiesene Fehltage zurückerstattet bekommen. Viele Arbeitsverträge beinhalten inzwischen die Pflicht, ab dem ersten Fehltag eine AU vorzulegen.
Ganz unter geht auch der Aspekt, dass wir inzwischen die elektronische AU haben: Jede ausgestellte AU erreicht die Statistik der Krankenkasse. Ob zuvor wirklich alle Patienten bei kurzlaufenden Arbeitsunfähigkeiten ihre ausgedruckte AU an die Kassen geschickt haben – man mag es bezweifeln.
Die AU ist eben gläsern geworden. Das hierdurch die Zahl der erfassten AUs durch eine Krankenkasse steigt, sollte nicht überraschen (und ist eben auch in der Verantwortung der Arbeitgeber).

Die Frage ist, ob die Fehltage dadurch wirklich steigen, oder nur das AU-Aufkommen. Ein reines Schielen auf erhöhte AU-Ausstellungen ist definitiv nicht zielführend.
Wie soll überhaupt ein Arzt mit wissenschaftlicher Genauigkeit feststellen, ob der Patient gestern wirklich einen Brechdurchfall hatte? Wir müssen unseren Patienten vertrauen – einer Misstrauenskultur durch die Hintertür sollten wir nicht die Hand reichen.
Gründe für eine AU gibt es viele, unter anderem steigt die Zahl der psychischen Belastungen auch und gerade durch die Belastungen am Arbeitsplatz. Vielleicht ein besserer Ort, um anzusetzen, wenn man die Fehltage in Deutschland reduzieren will.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch das sehr, ich nenne es mal, unglückliche Handeln unseres KBV-Vorsitzenden Herrn Dr. Gassen, der willfährig dem Kanzler beispringt, ohne auf die Fakten zu schauen, und unter völliger Missachtung seines Amtes als Interessenvertreter der Ärzteschaft (ja – auch Hausärzteschaft) zu viele Telefon-AUs beklagt. Das war kein Ruhmesblatt und in keiner Weise hilfreich, um die Debatte zu versachlichen.
Eine telefonische AU hat viele nachgewiesene Vorteile und ist ein wichtiger Baustein in den hausärztlichen Praxen geworden. Ich votiere klar für eine Beibehaltung dieser sinnvollen Regelung.

GREGOR BRINCKMANN
ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Bergedorf

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